20260820 ORFIII Ukraine Waffenstillstand allein ist zu wenig Interview Wehrsch
Im Krieg zwischen Russland und der Ukraine dominiert derzeit der sogenannte strategische Luftkrieg; hinter diesem militärischen Begriff steht das Bestreben, so viele Ressourcen des Gegners, vom Umspannwerk über Brücken bis hin zu Lagern und Fabriken zu zerstören. Spektakuläre Erfolge der Ukraine können allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass Russland die größere Zerstörungskraft besitzt; so konnte die Ukraine bis dato nur einen Teil jener Schäden reparieren, die im vergangenen Winter russischer Beschuss an der kritischen Infrastruktur angerichtet hat; doch der nächste Winter steht vor der Tür, während weder Feuerpause noch Frieden in Sicht sind; über die Probleme auf diesem Weg hat in Kiew unser Korrespondent Christian Wehrschütz mit dem früheren Parlamentspräsidenten Dmitri Razumkow gesprochen;
Berichtsinsert: Christian Wehrschütz
Inserts: Dmitri Razumkow, ehemaliger Parlamentspräsident der Ukraine
Gesamtlänge: 4’45
Dmitri Razumkow war Wahlkampfmanager von Präsident Volodimir Selenskij, Vorsitzender von dessen Partei „Diener des Volkes“ und bis Oktober 2021 Parlamentspräsident in Kiew; seit dem Bruch mit Selenskij ist der 43-jährige Razumkow wilder Abgeordneter, aber weiterhin sehr gut vernetzt und ein sehr klarer Analytiker. Chancen auf einen Frieden vor dem Winter sieht er kaum, einem Waffenstillstand steht Dmitri Razumkow skeptisch gegenüber:
3:31
„Er ist notwendig, wenn wir zum Beispiel über einen Waffenstillstand auf See, in der Luft oder bei der kritischen Infrastruktur sprechen. Aber wenn wir über die Einstellung der Kämpfe sprechen, ist das ein gefährliches Format. Eine Feuerpause muss unbedingt in ein Ende des Krieges übergehen. Denn nur das Kriegsende bietet die Möglichkeit, Investitionen zu bekommen. Bei nur einer Feuerpause werden keine Investitionen kommen, weil wir sie nicht schützen können.“
Eine der russischen Kernforderungen ist die Abtretung des gesamten Donbass in der Ostukraine; vom Oblast Donezk kontrollieren russische Soldaten etwa 80 Prozent, wobei sich Kiew weigert, den Rest mit den Städten Slowjansk und Kramatorsk kampflos abzutreten:
17‘09
„Viele sagen: „Ihr müsst den Donbass abtreten“, ja, diese Gespräche gibt es. Aber was soll mit den Menschen geschehen? Was ist mit der Wirtschaft, was soll mit der Sicherheit in diesen Gebieten geschehen? Man kann nicht einfach die ukrainischen Truppen abziehen und an die Grenze zwischen den Gebieten von Donezk und Dnipropetrowsk stellen. Wer wird dort die medizinische Versorgung gewährleisten, die Rettung, die Polizei? Welche Rechtsordnung soll dort gelten, und so weiter?
Vorläufig gescheitert sind die Friedensbemühungen der USA; Donald Trump konnte seine Ankündigung vor Beginn seiner Amtszeit nicht wahrmachen; fraglich ist, wie er und seiner Republikaner bei den Zwischenwahlen Anfang November abschneiden werden:
9’11:
„Heute hängen viele Dinge nicht nur von der Haltung ab, sondern auch vom militärischen und wirtschaftlichen Potenzial, über das die USA verfügen. Sie werden in erster Linie ihre eigene Frage im Nahen Osten lösen, wo sie feststecken im Krieg mit dem Iran. Der Krieg zwischen der Ukraine und Russland ist für sie heute zweitrangig. Und selbst ein Wechsel der Parteien oder ein teilweiser möglicher Machtwechsel wird die Situation nicht um 180 Grad drehen. Aber die Bewegung in Richtung Ukraine kann stärker werden. Außerdem ist es eine Frage der Zeit. Wir müssen bis November durchhalten, denn im November ist es in der Ukraine normalerweise bereits kalt.“
Und dieser Winter könnte der schlimmste Kriegswinter werden, den die Ukraine bisher erleben musste.
Denn es geht nicht nur um Strom und Heizung; vielmehr zerstört Russland systematisch Lagerhallen für Güter, bombardiert Tankstellen vor allem im Osten gezielt und hat auch die drei wichtigsten Häfen im Großraum von Odessa lahmgelegt. Die besten Chancen auf Frieden für die Ukraine sind allerdings möglicherweise bereits ungenützt verstrichen:
17’09:
„Im Jahr 2022 war Russland bereit, den Krieg zu beenden und alle Gebiete zurückzugeben, mit Ausnahme eines Teils der Gebiete Donezk und Luhansk. Und die Krim sollte unter eine gemeinsame Verwaltung gestellt werden. Danach, nach dem Abschluss der Operation in Charkiw, war Russland ebenfalls sehr ernsthaft auf die Beendigung des Krieges eingestellt. Dann kam Cherson. Ich bin der Meinung, dass jede nächste Phase einer möglichen Beendigung des Krieges schlechter ist als die vorherige. Ist heute in Russland alles in Ordnung? Nein. Dank der ukrainischen Streitkräfte und des ukrainischen Volkes fällt es ihnen sehr schwer, sich auf dem Territorium der Ukraine vorwärtszubewegen. Aber leider tun sie es weiterhin. Und wir müssen verstehen, für sie zählen Menschenleben überhaupt nicht.“
Bleibt die traurige Erkenntnis, dass es leider leichter ist einen Krieg zu beginnen als zu beenden, zumal ein Krieg einer Atommacht gegen einen Staat ohne Atomwaffen per se ein asymmetrischer Krieg ist – trotz aller Tapferkeit, die ukrainische Soldaten bisher bewiesen haben.