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20260731 Kulturjournal Theater von Cherson an der Frontlinie Wehrschütz Mod

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Berichte Ukraine

Üblicherweise ist eine Theateraufführung um vieles spannender als der Weg zum Theater selbst; in der Stadt Cherson in der Südukraine ist das umgekehrt, und zwar nicht deshalb, weil das Theater kriegsbedingt geschlossen ist; das zentrale Gebäude liegt nur weniger 100 Meter vom Dnipro entfernt, der die Frontline zum russisch besetzten Gebiet bildet. Drohen sind daher eine allgegenwärtige Bedrohung und die wenigen hundert Meter von der Garage bis zum Theater gehen wir in Begleitung einer Militäreskorte; vor uns ein Offizier in Zivil, hinter uns zwei Soldaten mit Gewehren, die anfliegende Drohnen bekämpfen sollen; zum Glück erreichen wir unbehelligt den Hinterhof des Theaters, passieren das Anti-Drohnen-Netz und werden von Direktor Oleksandra Kniha begrüßt, und in die Zeitgeschichte seit Beginn des russischen Großangriffs am 24. Februar 2022 eingewiesen:

0’29 (52)
„Die letzte Aufführung fand am 23. Februar 1922 statt. Das war die Premiere des Stücks „Ewigkeit und ein Tag“; später scherzten wir, dass die Proben eine Ewigkeit dauerten, und wir nur einen Tag gespielt haben. Denn am 24. und 25. konnte das Publikum nicht mehr hierherkommen. Aber es gibt eine interessante Geschichte. Als wir die Arbeit des Theaters in Kiew im August 2022 wieder aufnahmen, kam nach der Aufführung eine Frau zu mir und sagte: „Als ich aus Cherson floh, hatte ich ein Ticket für den 24. Februar. Ich sollte bei der Aufführung sein.“ Ich sagte ihr, sie solle dieses Ticket aufbewahren, wir werden jede Aufführung nachspielen.“

Oleksandr Kniha führt mich zunächst zur Hauptbühne, die 700 Besuchern Platz bietet; alle Sitze sind mit weißen Tüchern abgedeckt, an einer Seitenwand sieht man kleinere Beschädigungen durch den Beschuss mit Drohnen; die Hauptbühne liegt ebenerdig und ist daher aus Sicherheitsgründen nicht bespielbar; weiter geht es die Stiegen hinunter bis in einen Kellerraum; hier vermischten sich Kunst und Überleben, erinnert sich der Theaterdirektor:

7’06 (35)
„Hier lebten seit dem ersten Kriegstag 75 unserer Mitarbeiter einen Monat lang, und zwar bis zum 22. März, bis die Russen mit einer Durchsuchung kamen. Dann hatten die Leute Angst und gingen, denn unser Theater ist eine Kopie des Theaters von Mariupol; und gerade am 16. wurden das Theater bombardieren, und am 22. März kamen die Russen. Die Räume des Bunkers sind für den Unterricht ausgestattet; wir haben hier auch Toiletten.“

Die Besatzungszeit endete im November 2022; die russischen Truppen mussten dem militärischen Druck der ukrainischen Armee nachgeben und zogen sich über die einzig intakte große Brücke auf die andere Seite des Dnipro zurück. Russische Versuche scheiterten, den Theaterdirektor und das Ensemble zur Kollaboration zu bewegen und das Kulturleben zu russifizieren. Mit der Befreiung begann wieder ein Kultur- und Unterhaltungsbetrieb mit eigenen Programmen für Kinder in eben jenem Raum, der Mitarbeitern als Bleibe gedient hatte; vorhanden sind vier große Tische, Tapeten mit grüner Umwelt simulieren Fenster und eine Wand dominiert ein großer schwarzer Bildschirm; wozu diente dieser Raum, frage ich Oleksandr Kniha?

8’22 (30)
„Auch kulinarische Workshops haben wir hier durchgeführt. Zum Beispiel haben wir mit den Kindern einen traditionellen deutschen Kuchen gebacken. Wir haben eine Freiwillige in Deutschland, die ihnen diktiert hat, und sie haben das hier gebacken und dann probiert. Jetzt, leider, können wir aus sicherheitstechnischen Gründen die Kinder nicht hierherbringen, daher haben wir das an einen anderen Ort verlegt.“

Diese militärische Zäsur trat im Mai dieses Jahres ein; die russischen Angriffe mit Drohnen und anderen Waffen nahmen derart zu, dass der gesamte Theaterbetrieb in den Untergrund verlegt werden musste, und nun dezentral in Cherson stattfindet; doch das Theater lebt und sei enorm wichtig, betont Oleksandr Kniha:

2’43 (35)
„Es gibt Aufführungen über den Krieg, es gibt Komödien, und viele musikalische Aufführungen. Heute braucht Cherson jede Art von Aufführung. Das ist eine Nostalgie nach friedlichen Zeiten, Nostalgie dafür, wie die Bewohner ins Theater gingen. Und obwohl alles heute irgendwo in Kellern oder Bunkern stattfindet, sagen mir Frauen: „Ich habe zum ersten Mal seit einem Jahr ein Kleid angezogen und bin zu euch gekommen.“ Das ist also wichtig für sie.“

Mehr als vier Jahre dauert der russische Krieg gegen die Ukraine bereits; in der Frontstadt Cherson hat er auch im Theater menschliche und materielle Spuren hinterlassen; die abziehenden Russen plünderten die Werkstätten, stahlen oder zerstörten die Computer; zwei Ensemble-Mitglieder starben im Krieg, weitere zwei dienen als Soldaten. Vor Kriegsbeginn zählte das Theater 250 Mitarbeiter, 14 schlossen sich den Russen an, andere verließen die Stadt; den Aderlass beschreibt der Theaterdirektor so:

5’09: (45)
„Es fehlt ein wenig an kreativem Personal, etwa an Orchestermusikern. Von den 20, die wir hatten, sind nur noch 12 da. Das Ballett gibt es überhaupt nicht, es arbeitet vorwiegend im Ausland. Die Gesangsgruppe ist kleiner, sieben Personen anstelle der fünfzehn, die es gab. Und es gibt Schauspieler, auch ein kleines Team, aber sie arbeiten alle. Wir bringen viele Premieren heraus. Alle Werkstätten arbeiten. Tischler, Mechaniker. Theater sind ja nicht nur Schauspieler. Kostüme müssen genäht, Dekorationen hergestellt werden. Alles wird hier gemacht.“

2026 gab es bereits vier Premieren, darunter zwei musikalische; ein Stück trägt den Titel „Der Vogel auf dem Dachboden“; es erinnert an das Schicksal von Russen entführter Kinder; hinzu kommen viele Gastspiele gerade auch im Ausland, damit auch durch den Einsatz der Kultur die Frontstadt Cherson und der Krieg in der Ukraine nicht in Vergessenheit geraten.