20260731 FB Reportage aus der Frontstadt Cherson Wehrschütz
Berichtsinsert: Christian Wehrschütz aus Cherson
Insert1: Nadeschda, Bewohnerin von Cherson
Insert2: Serhij, Drohnenopfer aus Cherson
Insert3: Dmitro Domanskij, Generaldirektor eines Spitals in Cherson
Insert4: Shane Leahy, Leiter einer irischen Hilfsorganisation
Insert5: Ludmilla, Bewohnerin von Cherson
Insert6: Tetjana Kinderbetreuerin der Wohltätigkeitsorganisation „Flügel“
Insert7: Serhij, Schuster in Cherson
Insert8: Oleksandr Prokodin, Leiter der Militärverwaltung von Cherson
Gesamtlänge:
Nächte in Cherson sind noch lauter als in anderen Städten der Ukraine. Wegen der Frontnähe sind Geschützdonner und der Kampf gegen russische Drohnen oft zu hören. Am Tag sieht man das Ergebnis der Angriffe; dieses Auto traf eine Drohne; zu Bruch gingen Fenster in der Wohnung dieser Frau. Wird ständig geschossen?
*Nadeschda: 1:40*
„Tag und Nacht; sie halten sich nicht an einen Zeitplan.“
Die Krankenhäuser von Cherson versuchen sich so gut wie möglich vor Angriffen zu schützen; drinnen sieht man die Opfer russischer Drohnen, die Zivilisten nicht verschonen, ein Akt des Terrors ohne militärischen Sinn:
*Invalid 1, Sergej 1:34* (beim Haus)
„Ich war bei meinem Haus, stand auf, machte einen Schritt, hörte, dass etwas fliegt. Ich stoppte, stellte mich an die Wand und hielt still.“
Doch die Kriegsfolgen für die Bevölkerung reichen weit über Angriffe und Verwundungen hinaus:
*GD Spital Domanskij 2:22*
„Die Menschen befinden sich ständig unter Stress; und Stress verschärft chronische Krankheiten. Das ist das eine, was wir bei Patienten jetzt sehen. In jüngster Zeit hat die Zahl der Verletzten erheblich zugenommen durch Drohnen und Artillerie.“
Die Spitäler sind ein Bereich, den westliche Hilfsorganisationen massiv unterstützen. Im konkreten Fall ist es eine irische Hilfsorganisation, die regelmäßig Kliniken versorgt:
*Shane Leahy 0:38*
„Wir haben eine erhebliche Menge medizinischer Hilfe geliefert, aber heute handelt es sich um humanitäre Hilfe. Hauptsächlich Windeln. Das Entbindungskrankenhaus ist noch geöffnet, also benötigen sie Windeln, Tücher, Babydecken.“
Hochbetrieb haben auch lokale, ukrainische Hilfsorganisationen; sie bieten Malkurse für Erwachsene ebenso an wie Bastelkurse für Kinder. Bei den Erwachsenen steht die sogenannte Art-Therapie im Vordergrund, die eine Teilnehmerin auf den Punkt bringt:
*Ludmilla 1:38*
Ablenkung von allem. Einfach eine Art Meditation.
Bei den Kindern wiederum steht das Gemeinschaftserlebnis im Vordergrund:
*Tetjana 2:30*
„Es ist wichtig für die Kinder, zusammenzukommen, zu sprechen. Die Kinder wollen einander sehen. Sie sitzen nur zu Hause. Und das Fernlernen bringt nichts Gutes mit sich.“
Dieser Schuster wiederum hat seine eigene Arbeitstherapie; obwohl es kaum Kunden gibt, fährt er täglich mit dem Bus in seine kleine Werkstadt, die im besonders gefährdeten Stadtzentrum liegt; ein neuer Schuhabsatz kostet knapp fünf Euro, trotzdem sind vor allem Soldaten seine Kunden:
Schuster 1:12
„Das sind die Militärs, die Drohnen bedienen. Ihr Holster, wo sie das Gewehr reinlegen, ist kaputt gegangen. Ich werde ihnen das als humanitäre Hilfe geben, und dafür bekomme ich ein Dankeschön. Das wird ihnen irgendwie helfen. Er sagt, es ist gerissen, sie haben keinen Platz, um das Gewehr zu lagern, die Patronen, mit denen sie schießen. Ich werde es für sie machen, ja, bitte. Einfach so von mir, ohne Bezahlung, ohne alles.“
Wohnst Du in Cherson? Wie weit ist es mit dem Bus zur Arbeit:
Schuster: 2:54
„Ich wohne im Vorort. Es ist sehr schwer, hierher zu kommen, sage ich gleich, es ist sehr schwer, hierher zu kommen. Die Drohnen fliegen auf dem Weg, aber ich komme trotzdem.“
Doch der Aufenthalt im Freien kann sehr gefährlich sein; 245 Kilometer Netze sind bereits in der Stadt Cherson und im gleichnamigen Landkreis gespannt worden, um den Russen ihre Drohnen-Angriffe zu erschweren; doch einen totalen Schutz gibt es nicht:
*Prokodin 7’00*
„Wir haben 15 Arten von Netzen getestet, und wir haben das ausgewählt, das weder brennt noch bei Kälte zerfällt und die Drohne hält. Aber gleichzeitig finden die Russen Schlupflöcher, wir haben ein Video gesehen, in dem zwei Drohnen ein Netz an einem Umspannwerk heben, während die dritte hineinfliegt und zuschlägt.“
In Cherson kann jeder Bewohner jederzeit zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort sein. Manche reagieren mit Gottvertrauen, denn ein Ende des Alptraums ist für die Frontstadt nicht in Sicht.