20250630 MiJ Herausforderungen für ukrainische Armee Wehrsch Mod
3’23 (mea culpa)
Beim Krieg in der Ukraine wird bei militärischen Bewertungen vor allem über Waffensysteme, Truppenstärken und Kräfteverhältnisse diskutiert. Weit weniger oft wird die Frage nach der Qualität der Streitkräfte, nach Führungsfähigkeit und militärischer Ausbildung gestellt. Doch dieses Bereiche sind nicht weniger wichig als Waffen und ihre Verfügbarkeit, weil diese Mittel auch effizient eingesetzt werden müssen. Mit diesen Fragen beschäftigt sich in der Ukraine seit Jahren der ehemalige Chefredakteur des bekannten Onlineportals „Censor.Net“, Juri Botusiw, der derzeit als Infanterist in der Armee dient; mit ihm hat in Dnipro unser Korrespondent Christian Wehrschütz über die Herausforderungen für die ukrainischen Streitkräfte gesprochen; hier sein Bericht:
In der Ukraine ist auch im Vorjahr wieder intensiv über die Herabsetzung des Wehrdienstalters debattiert worden, das derzeit bei 25 Jahren liegt. Hinzu kommen von Jänner bis Ende Mai dieses Jahres etwa 90.000 Soldaten, die ihre Einheiten unerlaubt verlassen haben; gerade diese Zahl hat der ehemalige Journalist und nunmehrige Infanterist Juri Butusow veröffentlicht; trotzdem sieht er in der militärischen Personaldecke nicht das grundlegende Problem:
6’03 (38)
„Das Hauptproblem ist nicht, dass uns Leute fehlen. Ich bin der Meinung, dass es in der Ukraine genug Menschen gibt. Das Problem liegt in ihrem Einsatz, in der Organisation und Vorbereitung. Das ist das Problem unserer militärischen Führung, der Führung der Einheiten und das Problem der Regierung, die das nötige Budget bereitstellen muss, konkret und richtig. Und das ist das Problem der öffentlichen Kontrolle. Wenn große Geldsummen bereitgestellt und viele Menschen mobilisiert werden, ist es wichtig, dass es eine öffentliche Kontrolle gibt.“
Denn immer wieder tauchen Berichte über massive Fälle von Korruption im Verteidigungsministerium und bei den Streitkräften auf. So schrieb eine Korruptionsforscherin, dass das Geld einfach gestohlen wurde, das für den Bau von Befestigungsanlagen um die Stadt Charik vorgesehen war. Das Fehlen eine klaren Verteidigungslinie, an der der Russe zum Stehen gebracht werden müsse, kritisiert auch Juri Butusow:
12’55 (44)
„Jetzt, ohne eine Verteidigungslinie, töten wir sie einfach so viel, wie wir können. Sie erleiden Verluste, und wenn ihnen die Menschen ausgehen, halten sie für eine Zeit an. Dann mobilisieren sie in Russland, dort treiben sie mit verschiedenen Methoden noch einige Zehntausend Menschen in die Armee, und der Vorstoß geht wieder weiter. Der Vorstoß erfolgt Gruppe für Gruppe, kleine Infanterieeinheiten gehen nach vorne, sie werden von Drohnen und Artillerie unterstützt. Dieses Kriegsformat ist für uns nicht vorteilhaft und´muss geändert werden. Doch leider haben wir eine große Kluft zwischen den Slogans, und der praktischen Umsetzung.“
Beim Rüstungswettlauf mit Russland habe die Ukraine massiv augeholt; trotzdem gebe es gerade beim Luftkrieg noch wichtige Bereiche, in denen Russland vorneliege; und was erwartet der ehemalige Journalist für das Jahr 2025; Juri Butusov anwortet so:
22’39: (40)
„Ein langsamer Vorstoß der russischen Truppen, wenn sie versuchen, unsere Verteidigung zu durchbrechen. Und der Gegner wird die Anzahl der Drohnen erhöhen. Ende des Jahres werden wir bereits 15 km bis zur Frontlinie haben, wo man mit dem Auto so einfach nicht hinfahren kann. Um jetzt an die vorderen Positionen zu gelangen, muss man immer mehr zu Fuß gehen. Ohne Fahrzeuge muss man alles selbst tragen. Das ist die Realität. Ich denke, der Krieg der Drohnen beginnt gerade erst. Er wird an der Front noch viel größere Ausmaße annehmen.“