20250610 ORFIII Evakuierung aus der Frontnähe bei Sumi Wehrsch Mod
Berichtsinsert: Christian Wehrschütz aus dem Oblast Sumi
Insert1: Serhij, Oberstleutnant der ukrainischen Polizei
Insert2: Serhij, Oberstleutnant der ukrainischen Polizei
Insert3: Serhij und Nina, Flüchtlinge aus dem Dorf Jastribine
Insert4: Alona, Mitglied der Polizeieinheit „Weiße Engel“
Insert5: Oleh Hrigorov, Leiter der zivil-militärischen Verwaltung des Oblasts Sumi
Gesamtlänge: 5’13
Die Splitterschutzweste ziehen ich nur an, wenn es in einen haarigen Einsatz geht. Das war jüngst der Fall, als wir die Polizeieinheit „Weiße Engel“ bei der Evakuierung von Zivilisten aus frontnahen Gebieten begleiteten.
Es ist ein wahrer Höllenritt mit dem wir im Auto in Richtung Frontnähe fahren. Auf den ungepflasterten oder löchrigen Landstraßen wird der Klein-Lkw gehörig durchgeschüttelt.
Das Auto der „Weißen Engel“ ist mit Starlink ausgestattet und innen gepanzert; Serhij hat ein spezielles Gewehr, das Drohnen bekämpfen kann, doch noch wichtiger ist dieser kleine Apparat:
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„Damit können wir das Videosignal von Drohnen abfangen. Das heißt, wir haben eine Vorstellung von der Flugbahn und ungefähr welche Drohne es ist. Dann ergreifen wir bestimmte Sicherheitsmaßnahmen, um eine Begegnung mit ihr zu vermeiden.“
Analysen zeigten, dass die Überlebenschancen bei der Begegnung mit einer feindlichen FPV-Drohne im Freien sehr gering sind. Daher sind diese Netze über diese Straße gespannt, um den Anflug unmöglich zu machen. Evakuiert wird als erstes eine alte Frau, die wegen eines Oberschenkelbruchs nicht gehen kann.
Doch bei weitem nicht jeder Bewohner frontnaher Dörfer ist bereit, sich evakuieren zu lassen:
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„Die Menschen kann man auch verstehen, denn sie haben ihr ganzes Leben lang Haushalte und Wohnungen aufgebaut. Und sie sagen, dass sie im Moment nicht ausreisen werden. Wir haben eigene Tiere, Geflügel, und deshalb werden wir bei unserem Hof bleiben. Obwohl wir die Möglichkeit haben, sie mit den Tieren zu evakuieren, sagen sie, dass hier alles für sie ist und wir bleiben. Und normalerweise fahren sie erst dann weg, wenn von ihrem Wohnort wegen des Beschusses nichts mehr übrigbleibt.“
Zurück in Sumi wird sie in dieses Aufnahmezentrum gebracht, die erste Anlaufstelle für Binnenflüchtlinge. Bei dieser zerstörten Brücke erfolgt die zweite Evakuierung; die Flüchtlinge brachten Soldaten von ihrem Dorf zum Treffpunkt; es liegt etwa fünf Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Die Bewohner der Region leben vorwiegend von der Landwirtschaft:
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„Schweine, Kühe, Traktoren und Felder und Arbeit, alles war da. Jetzt haben sie alles zerstört. Und jetzt sind die Felder verwüstet.“
Serhijs Frau lebt in der Stadt Sumi; dort wird auch er nun wohnen. Wie lange hängt wohl vom Kriegsverlauf ab, denn die Front ist nur mehr 20 Kilometer entfern. Von den Frauen kommt eine bei Verwandten in Sumi unter; sie hat so viele Habe wie möglich mitgebracht, denn ob und wann eine Rückkehr möglich sein wird, ist offen. Die restlichen vier Passagiere bringt das Auto ins Aufnahmezentrum. Eintausend Personen hat dieses Team bereits evakuiert; nicht immer lief alles so glimpflich ab, wie bei diesem Einsatz:
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„Dieses Fahrzeug ist gepanzert, aber einmal, das war vergangenes Jahr, als wir in einem Dorf gearbeitet haben, wurde dieses Fahrzeug beschossen, wir gerieten unter Beschuss. Ich wurde verletzt und war im Krankenhaus. Aber Gott sei Dank arbeiten wir jetzt weiter.“
Denn die Evakuierung aus den frontnahen Gebieten ist auch eine logistische Herausforderung, die die Verwaltung des Oblasts Sumi zu bewältigen hat:
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Derzeit ist die Evakuierung in 213 Siedlungen der Region Sumi angekündigt. Das betrifft 18 Grenzgemeinden und entsprechend 4 Bezirke. Ich kann sagen, dass bisher fast 55.000 Zivilisten evakuiert wurden. Es verbleiben ungefähr 34.000 bis 35.000 Personen. Gleichzeitig haben wir etwa 18.000 schriftliche Ablehnungen für Evakuierungsmaßnahmen, etwa 800 Kinder sind geblieben. Aber aus dem 5-Kilometer-Sperrgebiet wurden alle Kinder evakuiert. Wenn wir also von den verbleibenden Kindern und bestimmten Bevölkerungsgruppen sprechen, sind diese nicht in unmittelbarer Nähe der 5-Kilometer-Linie zur Frontlinie. Die Menschen, die weiter entfernt sind, 10 bis 15 Kilometer, haben bisher solche Entscheidungen nicht getroffen und bleiben daher vorerst hier. Wir setzen unsere Arbeit in dieser Hinsicht fort. Wir haben Evakuierungsteams aus den staatlichen Behörden, der Polizei und der Notfalldienste gebildet.“
In der Stadt Sumi selbst gibt es zwar regelmäßig Luftalarm und im Stadtzentrum sieht man auch Ruinen russischer Luftangriffe. Gesunken ist auch die Zahl der Einwohner, doch das Streben nach einem normalen Leben in einer abnormalen Situation ist auch in dieser Stadt spürbar – gerade an heißen Tagen und am Wochenende. Bleibt zu hoffen, dass den Bewohnern von Sumi das fürchterliche Schicksal anderer ukrainischer Städte erspart bleiben möge.