Reportage aus dem befreiten Isjum

Ukraine / Fernsehen / ZiB2 / 2022-09-15 22:00

Einleitung

Die ukrainische Gegenoffensive im Nordosten des Landes im Landkreis Charkiw hat die russische Armee kalt erwischt. Teilweise in Panik verließen russische Soldaten ihre Stellungen und ließen ihre Waffen zurück. Militärisch besonders wichtig ist für die Führung in Kiew die Stadt Isjum etwa 120 Kilometer südöstlich von Charkiw, weil damit auch der militärische Druck auf den Nachbaroblast von Donezk nachgelassen hat. Vorgestern hat in Isjum Präsient Volodimir Selenskij bei einem Kurzbesuch die ukrainische Fahne gehisst; gestern hat unser Ukraine-Korrespondent in der Stadt mit Bewohnern über ihre triste Lage gesprochen und die folgende Reportage gestaltet:

Detail

Die ukrainische Gegenoffensive im Nordosten des Landes im Landkreis Charkiw hat die russische Armee kalt erwischt. Teilweise in Panik verließen russische Soldaten ihre Stellungen und ließen ihre Waffen zurück. Militärisch besonders wichtig ist für die Führung in Kiew die Stadt Isjum etwa 120 Kilometer südöstlich von Charkiw, weil damit auch der militärische Druck auf den Nachbaroblast von Donezk nachgelassen hat. Gestern hat in Isjum Präsient Volodimir Selenskij bei einem Kurzbesuch die ukrainische Fahne gehisst; heute hat unser Ukraine-Korrespondent in der Stadt mit Bewohnern über ihre triste Lage gesprochen und die folgende Reportage gestaltet: Berichtsinsert: Christian Wehrschütz aus Isjum Insert1: Anton, ukrainischer Soldat in Isjum Insert2: Aljona, Inhaberin eines Kosmetiksalons in Isjum Insert3: Tatjana, Bewohnerin von Isjum Gesamtlänge: 2’25 Die Befreiung von Isjum bedeutet einen spürbaren militärischen Rückschlag für die russischen Angriffspläne in der Ostukraine. Besetzt war die Stadt mehr als fünf Monate, die Rückeroberung gelang binnen einer Woche. Die Russen ließen viele Waffen zurück; beim Rückzug sprengten sie diese Brücke über den Fluss. Zurück ließen sie eine gezeichnete Stadt: 1'40 - Wie viele Bewohner - 1'56'6 "Bis zum Abgriff am 24. Februar lebten hier etwa 45.000 Einwohner; jetzt sollen es etwa 17.000 sein, das haben mir jedenfalls einige Bewohner gesagt." Der Zustand des Zentrums ist zum Weinen. Praktisch kein Haus ist ganz, und auch der Supermarkt ist nur mehr ein Trümmerfeld. Strom, Wasser, Gas und Lebensmittel gibt es nicht; der Greißler im Zentrum hat praktisch keine Waren, schon gar keine verderblichen, weil eine Kühlung nicht möglich ist. Verteilt wird im Zentrum humanitäre Hilfe; dazu zählen auch Medikamente. Mit ihrer Kappe sticht Aljona aus der Menge; sie hat sich für Verwandte und Bekannte um Tabletten angestellt. Die Frau hatte einen Schönheitssalon, der nur mehr ein Trümmerfeld ist. Beschäftigt waren hier sechs Mitarbeiter. Friseure braucht man immer; ist ein Wiederaufbau geplant? 08'00 Keine Perspektive für einen Wiederaufbau - 30'3 "Dazu fehlen die Mittel. Wir lebten ein halbes Jahr ohne irgendwelche Einnahmen, auf Kosten unserer Ersparnisse, und haben unseren Eltern geholfen. Meine Mutter ist Pensionisten, viele Angehörige meines Mannes auch. Derzeit ist es sinnlos an Wiederaufbau zu denken, es gibt weder Strom noch Telefon." Mit Glück telefonieren kann man bei der Stadteinfahrt, dort wo das sowjetische Siegesdenkmal zum Zweiten Weltkrieg steht. Hier komme ich mit diesem Ehepaar ins Gespräch; Tatjana hat durch russischen Beschuss zwei Verwandte verloren. Wie lebt es sich in der Stadt, gibt es eine Perspektive? 3'07 - Perspektive und Leben - 3'37'8 "Perspektive, du lebst von einem Tag auf den anderen; der Tag geht vorbei, das ist alles." Beide haben Angst, dass die Russen zurückkommen könnten. Derzeit ist das sehr unwahrscheinlich; die Front ist etwa 20 Kilometer entfernt, doch Frieden ist in der Ukraine weiter nicht in Sicht.