Vom Blitz- zum Abnützungskrieg

Ukraine / Zeitung / Kleine Zeitung / 2022-08-24 12:00

Einleitung

Es dürft so gegen 04.30 in der Früh gewesen sein als im Hotelzimmer in der Hafenstadt Mariupol mein Mobiltelefon läutete und sich das „Monitoring“ in der ORF-Zentrale am Küniglberg meldete: „Guten Morgen Herr Wehrschütz! Der russische Krieg in der Ukraine hat begonnen.“ Das „Monitoring“ zählt zu den Abteilungen des ORF, die rund um die Uhr besetzt sind. Der Anruf des Kollegen kam nicht unerwartet, sondern war bestellt. Eine Woche zuvor hatten die Artillerieduelle an der 450 Kilometer

Detail

Es dürft so gegen 04.30 in der Früh gewesen sein als im Hotelzimmer in der Hafenstadt Mariupol mein Mobiltelefon läutete und sich das „Monitoring“ in der ORF-Zentrale am Küniglberg meldete: „Guten Morgen Herr Wehrschütz! Der russische Krieg in der Ukraine hat begonnen.“ Das „Monitoring“ zählt zu den Abteilungen des ORF, die rund um die Uhr besetzt sind. Der Anruf des Kollegen kam nicht unerwartet, sondern war bestellt. Eine Woche zuvor hatten die Artillerieduelle an der 450 Kilometer langen Waffenstillstandslinie stark zugenommen, Donezk und Lugansk hatten Moskau um „brüderliche“ Hilfe gebeten und die Anerkennung dieser sogenannten Volksrepubliken zeichnete sich ebenso ab wie ein Scheitern der „Gespräche“ zwischen Moskau und Washington über eine neue europäische Sicherheitsarchitektur. Nicht nur für mich stand somit fest, dass es zum russischen Großangriff kommen würde; eine auf die Landkreise von Donezk und Lugansk beschränkte russische Militäraktion hielt ich für sehr unwahrscheinlich, weil Moskau mit sehr ernsten Sanktionen des Westens rechnen musste, die gegen einen „halbherzigen“ Ansatz sprachen. In Erwartung des Angriffs waren wir seit dem 17. Februar noch fast alle möglichen neuralgischen Punkte abgefahren; am 24. Februar wollten wir noch Richtung Halbinsel Krim, doch Putins Angriffsbefehl vereitelte diese Pläne. Nach dem Anruf weckte ich mein Team, absolvierte die ersten Liveeinstiege für Radio und Fernsehen und zahlte die Hotelrechnung. Wir drehten noch einige Stadtbilder sowie den Hafen von oben und machten uns auf den Weg nach Kiew. Am Flughafengelände von Mariupol sahen wir die ersten Zerstörungen durch den russischen Angriff, Vorboten des drohenden Unheils für das gesamte Land. Kiew erreichten wir nach Mitternacht. Die Stadt war zur Geisterstadt geworden, damals journalistisch aber der Ort, wo sich das Schicksal der Ukraine entscheiden könnte. Wir berichteten rund um die Uhr über einen Krieg, der wieder einmal die Aussage bestätigte, dass kein Schlachtplan die ersten Minuten des Gefechts überlebt. Der russische Blitzkrieg gegen Kiew scheiterte kläglich – nicht zuletzt wegen der heldenhaften und schlagkräftigen ukrainischen Soldaten - und Anfang April zogen die Truppen ab, um im Osten den Angriff zu verstärken. Sechs Monate sind keine lange Zeit für einen Krieg, zieht man etwa die Zerfallskriege im ehemaligen Jugoslawien zum Vergleich heran. Noch ist Sommer und wer diesen Abnützungskrieg gewinnen und wie lange er dauern wird, ist offen. Fest steht, dass Kiew den Propagandakrieg im Westen gewonnen hat, bei weitem nicht aber weltweit. Fest steht, dass die westlichen Waffenlieferungen bisher für eine Wende des Kriegsglücks nicht ausreichen, und dass die mehrfach totgesagten russischen Streitkräfte langsam aber doch vorrücken. Fest steht leider auch, dass im Gegensatz zu 2014/15 in der Ostukraine die Diplomatie vorläufig abgedankt hat. Es ist leichter, einen Krieg zu beginnen, als ihn zu beenden – gäbe Gott, dass er nicht ebenso außer Kontrolle geht wie nach acht Jahren der Krieg in der Ostukraine, dem leider auch der Westen viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat.