Reportage aus Lemberg

Ukraine / Fernsehen / ORFIII / 2022-06-17 12:00

Einleitung

Etwa eine Million Einwohner zählt Lemberg, das Zentrum der Westukraine im Grenzgebiet zu Polen gelegen. In den ersten Wochen des Krieges passierten etwa fünf Millionen ukrainische Flüchtlinge die Stadt, die auch fast 150 Jahre zu Österreich gehörte. Durch den Ansturm platze Lemberg aus allen Nähten, waren alle Betten belegt und internationale Organisationen halfen beim Bau von Flüchtlingslagern. Zwar gibt es auch in Lemberg immer wieder Fliegeralarm, doch von russischen Raketen beschossen wurde das Zentrum bisher nie und die Lage hat sich stark geändert; natürlich bleiben logistische Herausforderungen

Detail

20220614 ORF III Reportage aus Lemberg Wehrschütz Mod

Etwa eine Million Einwohner zählt Lemberg, das Zentrum der Westukraine im Grenzgebiet zu Polen gelegen. In den ersten Wochen des Krieges passierten etwa fünf Millionen ukrainische Flüchtlinge die Stadt, die auch fast 150 Jahre zu Österreich gehörte. Durch den Ansturm platze Lemberg aus allen Nähten, waren alle Betten belegt und internationale Organisationen halfen beim Bau von Flüchtlingslagern. Zwar gibt es auch in Lemberg immer wieder Fliegeralarm, doch von russischen Raketen beschossen wurde das Zentrum bisher nie und die Lage hat sich stark geändert; natürlich bleiben logistische Herausforderungen und der Krieg ist auch in der Stadt fest allgegenwärtig

Berichtsinsert: Christian Wehrschütz aus Lemberg

Insert1: Igor Kobrin, Sozialreferent der Stadt Lemberg

Insert2: Sergej, Ziviles Kriegsopfer aus der Ostukraine

Insert3: Roman Romaninski, Arzt in Lemberg

 

Insert4: Andrij Sadovij, Bürgermeister von Lemberg

Insert5: Andrij Sadovij, Bürgermeister von Lemberg

Gesamtlänge:

Lemberg liegt ganz im Westen der Ukraine nicht weit von der polnischen Grenze entfernt. Vom Krieg war die Stadt daher vor allem indirekt betroffen. Ein Zeugnis dafür bilden die Container-Dörfer, die die Stadt für Flüchtlinge errichtet hat. Drei gibt es; jedes hat 350 Betten; genutzt werden auch Schulen und Studentenheime. Die große Mehrheit der Flüchtlinge kam aber privat unter. Etwa 100.000 sind offiziell in Lemberg registriert, die Dunkelziffer dürfte weit höher sein. Umfragen zeigen, dass die klare Mehrheit zurückwill, doch:

7'32'9 - Zukunft der Vertriebenen - 8'05'7

"Etwa 20 Prozent sagten, dass sie in Lemberg bleiben wollen. Ein Teil hat keine Alternative, weil ihre Wohngebiete von Russland besetzt sind, andere können nicht zurück, weil an ihrem Wohnort gekämpft wird, wieder andere wollen einfach hier ihre Existenz aufbauen und ein kleiner Teil will auswandern."

Lemberg ist auch eine Anlaufstelle für Kriegsopfer; vor allem Zivilisten werden in diesem städtischen Krankenhaus behandelt. Etwa 80 Personen liegen auf dieser Abteilung; die große Mehrheit hatte das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein als die Granate einschlug; Sergej war im Garten:

1'36'5 - Wie geht es weiter - 1'49'1

"Die Wunde wurde schon genäht, doch am Knochen stehen mir noch zwei Operationen bevor."

So manche dieser Patienten warteten zum Zeitpunkt meines Besuches bereits auf ihre Reise nach Deutschland und Norwegen, um weiterbehandelt zu werden oder um die Rehabilitation zu beginnen. Welche Rolle spielt dieses Spital in Lemberg bei der Behandlung von Kriegsopfern?

2'42'4 - Funktion des Krankenhauses - 3'28'2

"Die Krankenhäuser die näher an der Fron liegen, sind überlastet; sie leisten die Hilfe, die in der ersten Phase nötig ist. Dann kommen die Patienten zu uns; wir haben hier mehr Platz und mehr Zeit. Doch wenn eine Verwundung so schwer ist, dass die Behandlung mehrere Monate und länger dauert, dann werden die Patienten zur Rehabilitation in andere Länder Europas gebracht."

Künftig soll moderne Rehabilitation auch in der Ukraine möglich sein, und zwar in Lemberg; das ist das erklärte Ziel des Bürgermeisters, der bereits Pläne für den Bau eines Reha-Zentrums vorantreibt:

4'27'2 – Rehabilitation Pläne für Lemberg - Unbroken 5'28'3

"Wir möchten in diesem Jahr die Projektierung des Rehabilitationszentrums abschließen und Vorbereitungsarbeiten beginnen. Der eigentliche Bau soll dann im nächsten Jahr beginnen und etwa zwei Jahre dauern; parallel dazu werden wir auch die gesamte Infrastruktur errichten."

Vor dem Krieg war der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Lemberg. Nun gibt es keine Touristen; trotzdem bevölkern viele Menschen das historische Zentrum, und auch der finanzielle Einbruch dürfte sich in Grenzen halten:

10'25'2 - Kriegsbilanz 11'47'8

"Auch Binnenflüchtlinge nutzen die Dienstleistungen der Stadt, die Klein- und Mittelbetriebe bieten. Außerdem waren bis vor kurzer Zeit alle Hotels und Quartiere ausgebucht. Bei den Einnahmen haben die Bürger somit kaum etwas verloren, sind doch nicht zuletzt auch fast 100 Botschaften befristet nach Lemberg übersiedelt. Was die Infrastruktur betrifft, so wurden in der Stadt durch Beschuss nur einige Objekte beschädigt oder zerstört, weil wir alles Militärische bereits bis Kriegsbeginn aus der Stadt gebracht haben. Psychologisch herrscht aber Stress durch den Krieg, Lemberg ist als Teil der Ukraine ebenfalls vom Krieg betroffen, wobei seine Bewohner sehr intensiv als freiwillige Helfer tätig waren und die Armee, die Binnenflüchtlinge und die Territorialverteidigung unterstützt haben. Alle wirkten wie einer - ungebrochen."

Das ändert aber nichts an Schmerz und Leid, die der Krieg hervorruft.

Die Garnisonskirche in Lemberg ist nun oft der Ort, an dem Verwandte und Soldaten ihren gefallen Kameraden das letzte Geleit geben; zu befürchten ist, dass es noch viele derartige Verabschiedungen geben wird, und zwar nicht nur in Lemberg.