Reportage aus befreitem Vorort von Charkiw

Ukraine / Radio / MiJ / 2022-05-12 12:00

Einleitung

Die Stadt Charkiw liegt nur knapp 40 Kilometer entfernt von der russischen Grenze im Nordosten der Ukraine. Charkiw war daher eines der ersten großen Ziele der russischen Angreifer. Doch die Stadt hielt stand. Derzeit hat sich in diesem Landkreis das Blatt etwas zu Gunsten der Ukrainer gewendet; ihrer Armee ist es gelungen, die russischen Truppen etwa 50 Kilometer von der Stadt zurückzudrängen; das ist wichtig, weil die Stadt damit nicht mehr direkt von russischer Artillerie beschossen werden kann. Zugänglich sind damit auch wieder Vororte, die an der Frontlegegen haben. Einen von ihnen hat unser Ukraine-Korrespondent Christian Wehrschütz besucht, hier sein Bericht aus Charkiw:

Detail

Die Stadt Charkiw liegt nur knapp 40 Kilometer entfernt von der russischen Grenze im Nordosten der Ukraine. Charkiw war daher eines der ersten großen Ziele der russischen Angreifer. Doch die Stadt hielt stand. Derzeit hat sich in diesem Landkreis das Blatt etwas zu Gunsten der Ukrainer gewendet; ihrer Armee ist es gelungen, die russischen Truppen etwa 50 Kilometer von der Stadt zurückzudrängen; das ist wichtig, weil die Stadt damit nicht mehr direkt von russischer Artillerie beschossen werden kann. Zugänglich sind damit auch wieder Vororte, die an der Frontlegegen haben. Einen von ihnen hat unser Ukraine-Korrespondent Christian Wehrschütz besucht, hier sein Bericht aus Charkiw:

Pjatichatka war vor dem Krieg ein beliebter Vorort von Charkiw; es gab einige kleinere wohlhabende Ansiedlungen, doch diesen grünen Gürtel um die Stadt bevölkerte vor allem die Mittelklasse der Bewohner. Etwa 15.000 Personen lebten in Pjatichatka, nun sollen es 120 sein. Der Ort ist stark zerstört, viele Häuser weisen schwere Schäden auf, sind völlig unbewohnbar. Ein besonders schlagendes Beispiel ist ein Wohnhaus, bei dem ein Drittel der Wände und Wohnungen zusammengestürzt ist. Im dritten Stock sieht man noch den Kühlschrank, der Rest der Küche liegt unter den Trümmern. Die Zerstörungen und die relative Nähe zur Front wirken abschreckend auf mögliche Rückkehrer. Bewohner muss man schon fast mit der Lupe suchen. Wie ist die Lage, frage ich die vorbeieilende Galina:

1'00'1 - Infrastruktur - 1'09'6

Strom gibt es nach einem Monat wieder, Trinkwasser wird geliefert."

Und Lebensmittel?

51'3 - Lebensmittel? 54'9

"Wir bekommen humantitäre Hilfe."

Auch die Kirche von Pjatichatka hat Artilleriebeschuss massiv beschädigt. Praktisch kein Fenster blieb heil, die Außenwände zeigen deutliche Spuren von Schrapnells und im Innenhof ist der Krater mühsam aufgefüllt. Doch der Innenraum blieb weitgehend unversehrt. Am Samstag soll hier wieder ein Gottesdienst stattfinden. In der Kirche treffe ich die Pensionistin Irina; sie war drei Wochen bei ihrer Tochter in der Westukraine; vor einigen Tagen kehrte sie zurück. Warum? Irina antwortet so:

20220511_Irina_ispred_vrata Kirche

40'8 - Leben in Pjatichatka - 1'00'5

"Wir werden jetzt nicht mehr beschossen; es schießt nur unsere Artillerie, Einschläge gibt es bei uns keine. Daher kann man in Ruhe leben. Wasser und Strom wurden wieder angeschlossen, man kann leben."

Aber in Pjatichatka gibt es keinen Supermarkt; wie löst ihr das Problem?

1'02'6 - Lebensmittel -

"Wir fahren in die Stadt in den Supermarkt. Wir nehmen die Bestellungen von Freunden und Nachbarn mit, und zwar auch für Medikamente. Einmal in zwei, drei Tagen fahren wir in die Stadt. Sehr große Probleme gibt es leider mit dem Treibstoff."

In einer der Straßen des Vororts stehen stark beschädigte Kioske. Der eine beherbergte ein kleines Laboratorium, in dem man sich auf COVID19 testen lassen konnte. Fester und Fassaden sind durch Schrapnells schwer beschädigt. Corona ist in der Ukraine an sich seit dem 24. Februar, seit Kriegsbeginn, kein Thema mehr. Dr. Putin hat das Virus beseitigt, lautet eine bittere Antwort, nicht nur in diesem Vorort von Charkiw