Reportage aus befreitem Vorort von Charkiw

Ukraine / Fernsehen / ORFIII / 2022-05-13 11:00

Einleitung

Die Stadt Charkiw liegt nur knapp 40 Kilometer entfernt von der russischen Grenze im Nordosten der Ukraine. Charkiw war daher eines der ersten großen Ziele der russischen Angreifer. Doch die Stadt hielt stand. Derzeit hat sich in diesem Landkreis das Blatt etwas zu Gunsten der Ukrainer gewendet; ihrer Armee ist es gelungen, die russischen Truppen etwa 50 Kilometer von der Stadt zurückzudrängen; das ist wichtig, weil die Stadt damit nicht mehr direkt von russischer Artillerie beschossen werden kann. Zugänglich sind damit auch wieder Vororte, die an der Front gelegen haben. Einen von ihnen hat unser Ukraine-Korrespondent Christian Wehrschütz besucht:

Detail

Die Stadt Charkiw liegt nur knapp 40 Kilometer entfernt von der russischen Grenze im Nordosten der Ukraine. Charkiw war daher eines der ersten großen Ziele der russischen Angreifer. Doch die Stadt hielt stand. Derzeit hat sich in diesem Landkreis das Blatt etwas zu Gunsten der Ukrainer gewendet; ihrer Armee ist es gelungen, die russischen Truppen etwa 50 Kilometer von der Stadt zurückzudrängen; das ist wichtig, weil die Stadt damit nicht mehr direkt von russischer Artillerie beschossen werden kann. Zugänglich sind damit auch wieder Vororte, die an der Front gelegen haben. Einen von ihnen hat unser Ukraine-Korrespondent Christian Wehrschütz besucht:

Berichtsinsert: Christian Wehrschütz aus der Ukraine

Insert1: Galina, Bewohnerin von Pjatichatka

Insert2: Rückkehrerin nach Pjatichatka

Insert3: Irina, Rückkehrerin nach Pjatichatka

Insert4: Irina, Rückkehrerin nach Pjatichatka

Insert5: Alla Ruban, Ärztin in der Telefonzentrale der Rettung in Charkiw

Insert6: Olena Dub, Oberschwester in der Telefonzentrale der Rettung in Charkiw

Insert7: Viktor Sabaschta, Leiter der externen Medizin im Landkreis Charkiw

Insert8: Julia, Leiterin der Caritas in Charkiw

Insert9: Julia, Leiterin der Caritas in Charkiw

Gesamtlänge: 6’05

Pjatichatka war vor dem Krieg ein beliebter Vorort von Charkiw; es gab einige kleinere wohlhabende Ansiedlungen, doch diesen grünen Gürtel um die Stadt bevölkerte vor allem die Mittelklasse der Bewohner. Etwa 15.000 Personen lebten in Pjatichatka, nun sollen es 120 sein. Der Ort ist stark zerstört, viele Häuser weisen schwere Schäden auf, sind völlig unbewohnbar.

Die Zerstörungen und die relative Nähe zur Front wirken abschreckend auf mögliche Rückkehrer. Bewohner muss man schon fast mit der Lupe suchen. Wie ist die Lage:

1'00'1 - Infrastruktur - 1'09'6

Strom gibt es nach einem Monat wieder, Trinkwasser wird geliefert."

Und Lebensmittel?

51'3 - Lebensmittel? 54'9

"Wir bekommen humantitäre Hilfe."

Auch die Kirche von Pjatichatka hat Artilleriebeschuss massiv beschädigt. Praktisch kein Fenster blieb heil, die Außenwände zeigen deutliche Spuren von Schrapnells und im Innenhof ist der Krater mühsam aufgefüllt. Doch der Innenraum blieb weitgehend unversehrt. Am Samstag soll hier wieder ein Gottesdienst stattfinden. In der Kirche treffe ich die Pensionistin Irina; sie zeigt uns, wie enorm die Wucht des Geschoßes war, das hier einschlug. Irina war drei Wochen bei ihrer Tochter in der Westukraine; vor einigen Tagen kehrte sie zurück. Warum?

20220511_Irina_ispred_vrata Kirche

40'8 - Leben in Pjatichatka - 1'00'5

"Wir werden jetzt nicht mehr beschossen; es schießt nur unsere Artillerie, Einschläge gibt es bei uns keine. Daher kann man in Ruhe leben. Wasser und Strom wurden wieder angeschlossen."

Und wie löst ihr das Problem mit den Lebensmitteln?

1'02'6 - Lebensmittel -

"Wir fahren in die Stadt in den Supermarkt. Wir nehmen die Bestellungen von Freunden und Nachbarn mit, und zwar auch für Medikamente. Einmal in zwei, drei Tagen fahren wir in die Stadt. Sehr große Probleme gibt es leider mit dem Treibstoff."

Charkiw ist nach wie vor eine Geisterstadt; von den einst 1,5 Millionen Einwohnern dürften nur 400.000 in der Stadt geblieben sein. Nun ist es ruhiger, weil es den ukrainischen Streitkräften gelungen ist, die russischen Angreifer zurückzudrängen. Das Nachlassen der Angriffe spürt auch die Einsatzzentrale der Rettung; hier werden alle Anrufe registriert und die Einsätze der Fahrzeuge in Stadt und Landkreis koordiniert.

20220511_Alla_Jevgenina RUBAN _dispecerski_centar Ärztin

3'09'5 - Lage und ruhiger - 3'28'6

"In den vergangenen Tagen wurde die Anrufe viel weniger, weil auch der Beschuss der Stadt viel geringer wurde. Das spürt man. Leider kann man das für einzelne Bezirke nicht sagen, wo die Kämpfe andauern."

Als wir in der Telefonzentrale waren, gab es zwei bemerkenswertere Fälle. In der Stadt fiel ein Mann aus dem fünften Stock seines Wohnhauses, und im Landkreis wurde ein Traktorfahrer durch ein russisches Kampfflugzeug verletzt. Besonders heftige Kämpfe toben derzeit im Osten des Landkreises; für die Erstversorgung ist die Militärmedizin zuständig; das schließt auch schwere chirurgische Eingriffe wie Amputationen mit ein:

20220511_Olena_dispecer_ispred_Karte Oberschwester

38'0 - Transportweg - 1'01'8

"Wir fahren dorthin, wohin uns die Armee lässt. Von ihr übernehmen wir die Verwundeten und bringen sie dann nach Charkiw ins Spital."

Trotzdem lebt auch die Rettung gefährlich; das zeigen die Autos der Rettung bei diesem Krankenhaus in Charkiw; der Chefarzt der sogenannten externen Medizin, zuständig auch für die Rettung führt uns durch den Fuhrpark; neben Einschüssen zerstörten auch Druckwellen die Fenster der Autos; wie durch ein Wunder wurde bisher nur eine Mitarbeiterin bei Rettungseinsätzen verletzt. Wichtig ist für die Rettung die Hilfe durch Partnerorganisationen im Ausland:

20220511_Viktor Sabaschta _hitna_pomoc_kancelarija, Chef der externen Medizin

1'07 - Hilfe aus dem Ausland - 2'07'4

"Bereits am ersten Kampftag wurde unsere Reparaturwerkstatt zerstört; dort brannten auch einige Fahrzeuge aus oder wurden beschädigt. Dann hatten wir viele Probleme auch durch Beschuss der Autos. Da haben uns viele Länder geholfen, weil wir dadurch Ersatzfahrzeuge hatten."

Auch Viktor Sabaschta bestätigt, dass die Rettung jetzt weniger Einsätze hat; zu den Gründen zählen weniger Beschuss und der massive Bevölkerungsschwund. Andererseits registriert die ukrainische Caritas auch Rückkehrer, und zwar durch steigende Anfragen nach humanitärer Hilfe:

1'19'3 - Gründe für die Rückkehr - 1'45'6

"Viele kehren zurück, doch sehr oft hat das nichts damit zu tun, dass es sicherer wurde; sondern den Menschen geht einfach das Geld aus; daher kommen die Menschen zurück, wenn ihre Wohnungen heil geblieben sind, und suchen oft nach Arbeit."

1.500 Hilfspakete verteilt die Caritas pro Woche; die Empfänger sollen damit auf jeden Fall zwei Wochen auskommen können. Finanziert wird das Projekt von der österreichischen Caritas; gekauft wird in Charkiw, auch zur Stärkung der lokalen Wirtschaft:

 

6'59'9 - Probleme mit Lieferanten - 7'32'9

"Wir haben mehrere Lieferanten, doch es ist sehr schwierig, die Lebensmittel aufzutreiben, wenn wir für 1000 Portionen bestellen. Das wird in der ganzen Stadt zusammengeholt. Daher sagen sie nicht, es gibt keinen Tee, sondern sie suchen dann den Tee bei verschiedenen Firmen zusammen, damit wir Lebensmittel für diese Hilfe haben."

Logistisch ist diese Hilfe auf die Stadt Charkiw beschränkt, obwohl natürlich auch in Vororten wie Pjatichatka der Bedarf steigen wird, sollten mehr Bewohner zurückkehren.

In einer der Straßen des Vororts stehen stark beschädigte Kioske. Der eine beherbergte ein kleines Laboratorium, in dem man sich auf COVID19 testen lassen konnte. Corona ist in der Ukraine seit Kriegsbeginn kein Thema mehr. Dr. Putin hat das Virus beseitigt, lautet eine bittere Antwort, nicht nur in diesem Vorort von Charkiw