Klitschkos Kampf um Kiew

Ukraine / Radio / MiJ / 2020-10-24 12:00

Einleitung

Als Boxer hatte der ukrainische Champion Vitali Klitschko zweifellos auch schwere Kämpfe zu bestehen. Zu den leichteren dürfte sein nunmehriger politischer Kampf um die Wiederwahl als Bürgermeister von Kiew stehen. Der erste Wahlgang findet am Sonntag statt; nach Umfragen kann Klitschko mit 35 bis

Detail

Als Boxer hatte der ukrainische Champion Vitali Klitschko zweifellos auch schwere Kämpfe zu bestehen. Zu den leichteren dürfte sein nunmehriger politischer Kampf um die Wiederwahl als Bürgermeister von Kiew stehen. Der erste Wahlgang findet am Sonntag statt; nach Umfragen kann Klitschko mit 35 bis 40 Prozent der Stimmen rechnen. Klar abgeschlagen kämpfen um den Einzug in die Stichwahl weitere drei Kandidaten, darunter auch von der Partei des ukrainischen Präsidenten Volodimir Selenskji. Klitschkos große Stunde kam mit der Maidan-Bewegung, die im Februar 2014 zum Sturz von Präsident Viktor Janukowitsch führte. Klitschko unterstützte Petro Poroschenko bei der vorgezogenen Präsidentenwahl und wurde selbst Bürgermeister von Kiew. Nun treten er und seine Partei UDAR selbständig an. Aus Kiew berichtet unser Ukraine Korrespondent Christian Wehrschütz:

Als den großen Erneuerer der ukrainischen Hauptstadt präsentierte Vitali Klitschko sein Wahlkampfmanager aus den USA während des Wahlkampfes in Kiew. Klitscko führte keinen klassischen Wahlkampf, sondern präsentierte sich in Videos auf Baustellen etwa für eine längst überfällige Brücke über den Dnipro, beim Besuch eines neuen Kindergartens oder bei einer neuen Station für Gratis-Fahrräder. In diesem Video fährt Vitali Klitschko selbst mit einem Rad durch einen Park im Stadtzentrum und verkündet dann:

„Erst vor zwei Jahren haben wir mit dem Projekt „Bike-Sharing“ begonnen. Jetzt gibt es in Kiew bereits mehr als 300 derartige Stationen; unsere Stadt ändert sich zum Besseren.“

Doch beim Ausbau der Radwege liegt die mehr als drei Millionen Einwohner zählende Stadt meilenweit hinter Wien zurück. Autos, Staus, zu wenige Parkplätze, eine rudimentäre Schneeräumung im Winter sind die Lebensrealität in Kiew. Radfahrer sind dagegen so selten wir ein Lottosechser. Selbst ein Radfahrer ist der 39-jährige Sergej Sumlenny; er leitet in Kiew die deutsche Heinrich-Böll-Stiftung, die kommunale Nicht-Regierungsorganisationen unterstützt. Seine Erfahrungen als Radfahrer schildert Sergej Sumlenny so:

„Ein Radfahrer ist besonders gefährdet. Bei den meisten Radwegen in Kiew kann man sagen; die haben die Leute geplant, die zum letzten Mal in der Vorschule auf einem Rad gesessen haben. Da querst du mit dem Fahrrad binnen 800 Meter vielleicht zehn Mal einen Bürgersteig und das ist natürlich kein Fahrradweg. ... Manches Mal wird man sogar angegriffen."

Zu den vernachlässigten Randgruppen zählen auch behinderte Menschen und Müttern mit Kinderwägen. Selbst am Maidan führt kein Lift zu einer U-Bahnstation. In den Kinderschuhen steckt in Kiew auch der öffentliche Verkehr; so gibt es ganze Stadtteile ohne Anschluss an eine U-Bahn oder Straßenbahn. Bei einer Rangliste der Lebensqualität von Städten belegt Kiew nur den 173. Platz; ein weiterer Grund dafür ist die Luftverschmutzung; sie wird zwar gemessen, doch das ist auch schon alles, betont Sergej Sumlenny:

"Das Problem ist, dass am Ende ... passiert nicht."

Zweifellos hätte Vitali Klitschko in den sechs Jahren Kiew weit stärker modernisieren können. Andererseits erbte er eine jahrzehntelang vernachlässigte Infrastruktur und hat als Bürgermeister der Hauptstadt nur wenige Kompetenzen. Doch im Kampf gegen die Corona-Epidemie konnte Vitali Klitschko punkten; auch daher ist damit zu rechnen, dass er weiter Bürgermeister bleiben wird.