Der Fall Bridget und die Leihmuttschaft in Ukraine

Ukraine / Fernsehen / Facebook / 2020-06-09 18:00

Einleitung

Die Ukraine ist eines der wenigen Länder in Europa, in dem Leihmutterschaft erlaubt ist, und zwar auch für Ausländer. Voraussetzung ist eine Ehe zwischen Mann und Frau, andere Formen von Lebensgemeinschaften sind nicht zugelassen. Vor allem nach Kiew kommen Ehepaare aus aller Herren Länder, aus China, den USA, Spanien, Deutschland aber auch aus Österreich und vielen anderen Ländern der EU. Grund dafür sind das große und vielfältige Angebot an Leihmüttern und Spenderinnen von Eizellen aber auch die Preise, die niedriger

Detail

Die Ukraine ist eines der wenigen Länder in Europa, in dem Leihmutterschaft erlaubt ist, und zwar auch für Ausländer. Voraussetzung ist eine Ehe zwischen Mann und Frau, andere Formen von Lebensgemeinschaften sind nicht zugelassen. Vor allem nach Kiew kommen Ehepaare aus aller Herren Länder, aus China, den USA, Spanien, Deutschland aber auch aus Österreich und vielen anderen Ländern der EU. Grund dafür sind das große und vielfältige Angebot an Leihmüttern und Spenderinnen von Eizellen aber auch die Preise, die niedriger sind als in Tschechien oder den USA. Doch wegen der Corona-Epidemie hat die Ukraine ihre Grenzen vor zwei Monaten geschlossen; daher konnten die Wunscheltern nicht einreisen, um ihre Babys abzuholen. Dieses Problem wurde wochenlang negiert, doch dann stellte eine der größten Kliniken ein Video mit 50 Babys ins Netz; das brachte den Stein ins Rollen und nun wird versucht, diese Eltern einreisen zu lassen. Wegen der Gefahr der Ansteckung müssen diese Eltern jedoch zwei Wochen in Quarantäne, ehe sie ihre Kinder in Empfang nehmen und dann wieder ausreisen können, wenn alle erforderlichen Dokumente bei Behörden und Botschaften vorliegen. In der Ukraine führen die ungenaue gesetzliche Regelung der Leihmutterschaft sowie das schlechte Justizwesen aber auch zum Missbrauch von Leihmutterschaft. Einzelfälle reichen vom mutmaßlichen Kinderhandel bis zu Fällen, in denen genetische Eltern die Annahme des Kindes verweigerten, weil es genetische Erkrankungen oder Behinderungen aufweist.

Berichtsinsert; Christian Wehrschütz

Kamera: Sascha Alexejew, Wassilij Rud

Insert1: Mikola Kuleba, Kinderombudsmann der Ukraine

Insert2: Alina, Leihmutter in der Ukraine

Insert3: Alina, Leihmutter in der Ukraine

Insert4: Oleksandr Danutsa, Abgeordneter im ukrainischen Parlament

Insert5: Mikola Grischtschenko, Leiter der Privatklinik „Implant“

Gesamtlänge: 5’55

Bridget war dreieinhalb Jahre alt, als wir das Mädchen im Heim „Sonnenschein“ in der Saporoschie im April des Vorjahres filmen durften. Geboren hat sie eine Leihmutter aus der Ostukraine; die genetischen Eltern stammen aus den USA. Bridget war eine Frühgeburt und wog nur 800 Gramm. Die Eltern aus den USA weigerten sich schließlich das Kind anzunehmen. Seit April 2019 ist es in diesem Heim und wird fürsorglich und umfassend betreut. Wegen der Corona-Krise war ein Besuch nicht möglich. Doch ein Artikel auf der Webseite des Heims schildert die Fortschritte, die das nunmehr vierjährige Kind gemacht hat. Bridget spielt bereits mit anderen Kindern, die Motorik hat sich klar verbessert ebenso der Gebrauch beider Hände.

Dem Kinderombudsmann des ukrainischen Präsidenten sind etwa zehn Fälle bekannt, bei denen sich Wunscheltern weigerten das Kind anzunehmen. Das ist aber nur ein Grund, warum er fordert, dass Leihmutterschaft für Ausländer verboten wird:

Mikola Kuleba 8'41 - Mißbrauch - 10'06

"In der Ukraine ist eine Strafsache anhängig, wo eine Leihmutter ausländischen Staatsbürgern ein Kind übergab, und dann ein Gentest zeigte, dass die Eltern keine biologische Beziehung zu diesem Kind haben. Weiters gibt es Fälle, bei denen Verbrecher, die im Ausland wegen Verbrechen verurteilt wurden, und zwar auch wegen der Vergewaltigung von Kindern, in der Ukraine ein Kind erhalten haben. Da die Ukraine jene nicht kontrollieren kann, die ins Land kommen, muss für Ausländer die Leihmutterschaft verboten werden muss."

Der ukrainischen Vereinigung für Reproduktionsmedizin gehören etwa 50 Kliniken an; hinzu kommen noch Tausende Einzelpersonen; wie viele Kinder durch künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft geboren werden, ist unklar, weil verlässliche Statistiken fehlen. Doch Klinik ist nicht gleich Klinik; es gibt sehr seriöse Kliniken und seriöse Vermittlungsagenturen.

Bei guten Kliniken und Agenturen bekommen Leihmütter je Geburt etwa 17.000 Euro: hinzu kommen noch monatliche Diäten, etwa für Medikamente, von 500 Euro.

Wie groß die Unterschiede im Umgang sind, zeigen auch die Erfahrungen, die diese 32-jährige gemacht hat. Die Frau hat selbst zwei Kinder, war bereits zwei Mal Leihmutter und wird es nun zum dritten Mal:

Alina 3'54 - ersten Mal - 4'29

"Das erste Mal war 2016, aber bei der Klinik BioTechCom; dort hat es mir überhaupt nicht gefallen, da gab es keinen offiziellen Vertrag, auch das Verhalten gegenüber den Leihmüttern war sehr schlecht; in der Wohnung waren wir zu sechst untergebracht. Beim zweiten Mal im Jahre 2018 haben ich die habe ich Agentur und Klinik sorgfältig ausgewählt, habe mich von Leihmüttern beraten lassen, wohin ich besser gehen soll; ich habe nie bereut, dass ich zur Agentur IRTSA kam."

Mit den Wunscheltern hat Alina bis heute Kontakt; Alina ist zu Hause ihr jüngerer Sohn leidet an Epilepsie; ihr Mann verdient als Arbeiter weniger als 200 Euro im Monat:

13'28 - Kosten Medikamente, Schule, Wohnung - 14'39

"Es ist schon ein Glück, wenn wir nur 200 Dollar für das Medikament bezahlen; denn es kommt vor, dass die Zwischenhändler die Preise anheben. Somit werde ich jetzt wegen des Kindes, der Familie, nun zum dritten Mal Leihmutter; wenn Geld bleibt, wollen wir eine Wohnung kaufen, außerdem kommt mein Kind jetzt in die Schule und ich will, dass es mit all der nötigen Ausstattung in die erste Klasse kommt.“

Ein Verbot der Leihmutterschaft für Ausländer ist in der Ukraine keine realistische Forderung; denn Leihmutterschaft ist auch ein enormes Geschäft. Einen realistischen Weg zu gehen versucht ein Gesetzesentwurf, der nun im Parlament in Kiew liegt; eingebracht hat den Entwurf ein Abgeordneter der stärksten Fraktion, der Partei des Präsidenten:

Oleksandr Danutsa: 4'17 - Gesetzesprojekt - 7'08

"Es geht uns mit diesem Gesetzesvorschlag vor allem um zwei Dinge: erstens um eine strafrechtliche Verantwortung im Falle von Leihmuttschaft, die es bisher nicht gibt. Zweitens geht es um die Lizensierung und die Bedingungen, die für eine Lizenz erfüllt werden müssen. Leider gibt es Fälle, wo in Wohnung unter häuslichen Bedingungen Eingriffe für Leihmutterschaft durchgeführt wurden. Wir wollen daher, dass Kliniken medizinische und hygienische Standards erfüllen und für eine Lizenz bezahlen müssen.“

Die Klinik „Implant“ in Charkiw in der Ostukraine war die erste, in der künstliche Befruchtungen und Leihmutterschaft in der Ukraine durchgeführt wurden. In den vergangenen fünf Jahren wurden hier 4000 Kinder geboren, aber nur ein Prozent entfallen auf Leihmütter. Der Leiter der Klinik ortet den Mangel vor allem bei der Umsetzung der gesetzlichen Bestimmung

Mikola Grischtschenko 24'15 - Gesetzesinitiative - 25'05

"Die derzeitige grundlegende Handlungsanweisung für uns ist eine Verordnung des Gesundheitsministeriums; das ist kein Gesetz und nicht ausreichend, um Kontrolle und Sanktionen zu gewährleisten. Wir brauchen ein Gesetz, doch darin sollte all das vorgeschrieben sein, was derzeit in unseren rechtlichen Bestimmungen vorhanden ist, aber eben in der Form eines Gesetzes."

Ob das Parlament den eingebrachten Gesetzesvorschlag noch heuer und in welcher Form verabschiedet, bleibt abzuwarten. Denn sobald die Grenzen nach der Corona-Krise wieder offen sind, wird auch die Aufregung um Wunscheltern verschwinden, die ihre Babys in der Ukraine nicht abholen konnten.