Ukraine und der Kampf gegen das Virus

Ukraine / Radio / Europajournal / 2020-04-17 18:00

Einleitung

Auch die Ukraine dominiert derzeit der Kampf gegen das Corona-Virus das gesellschaftliche und das politische Leben. In Kiew und anderen Städten steht der öffentliche Verkehr still, es herrscht generelle Maskenpflicht für die Bürger, wobei es allerdings in vielen Spitälern zu wenige medizinische Masken gibt. Unstrittig sind aber zwei Punkte: erstens, das ukrainische Gesundheitswesen hält trotz aller Schwächen bisher stand, und zweitens, dass die wirtschaftlichen Folgen der Krise massiv sein werden. Dazu beitragen werden auch viele der

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Auch die Ukraine dominiert derzeit der Kampf gegen das Corona-Virus das gesellschaftliche und das politische Leben. In Kiew und anderen Städten steht der öffentliche Verkehr still, es herrscht generelle Maskenpflicht für die Bürger, wobei es allerdings in vielen Spitälern zu wenige medizinische Masken gibt. Unstrittig sind aber zwei Punkte: erstens, das ukrainische Gesundheitswesen hält trotz aller Schwächen bisher stand, und zweitens, dass die wirtschaftlichen Folgen der Krise massiv sein werden. Dazu beitragen werden auch viele der zwei Millionen Ukrainer, die seit Beginn der Krise vor allem aus EU-Staaten in die Heimat zurückgekehrt sind; ein Hoffnungsschimmer ist die Landwirtschaft, denn die Aussaat ist derzeit in vollem Gange. Am Wochenende sind die orthodoxen Ostern, und erst ein bis zwei Wochen danach dürfte einigermaßen klar sein, will lange im Mai die Quarantäne noch dauern wird. Den folgenden Beitrag über die Lage in der Ukraine hat unser Korrespondent Christian Wehrschütz gestaltet.

Auch in der Ukraine prägt der Kampf gegen das Corona-Virus seit Wochen das öffentliche Leben. Es herrscht Maskenpflicht, der öffentliche Verkehr wurde eingestellt, Schulen, Universitäten, und Restaurants sind ebenso geschlossen wie die meisten internationale Grenzübergänge, doch der Warenverkehr ist weiter möglich. Die ersten Quarantäne-Maßnahmen traten Mitte März in Kraft; der erste Fall eines Infizierten wurde Anfang März im Kreis Tschernowitz, im Grenzgebiet zu Rumänien registriert. Seither führt dieser mit 900.000 Einwohnern kleinste Kreis der Ukraine die Statistik an; mit gestrigem Stand waren es 662 Fälle; in der drei Mal bevölkerungsreicheren Hauptstadt Kiew 644 Fälle von Infizierten. Diesen Unterschied begründet der ehemalige österreichische Honorarkonsul und nun amtierende Gouverneur des Kreises Tschernowitz, Sergij Osatschuk, so:

"Ich glaube dadurch, dass viele Tausende Bukowiner in den EU-Ländern gearbeitet haben, waren wir als Grenzgebiet sofort betroffen; andererseits - im Gegenteil zu anderen Gebieten der Ukraine - ist in Tschernowitz die Fähigkeit zu testen, erhalten geblieben; somit waren wir immer an der höchsten Stelle in der Ukraine mit den infizierten Fällen. Nach meinem Dafürhalten sind es nicht mehr als in anderen Regionen, bloß bei uns können wir das heute noch feststellen."

Zweifel an der offiziellen Statistik sind durchaus angebracht, sowohl wegen der Qualität aber auch wegen der bisherigen Anzahl an Tests. Bis Mitte April wurden in der knapp 40 Millionen Einwohner zählenden Ukraine 43.000 Personen getestet, in Serbien mit seinen sieben Millionen Einwohnern waren es fast 30.000 Personen. Positiv getestet wurden in der Ukraine knapp 4.200 Personen; besorgniserregend ist, dass jeder fünfte Infizierte dem medizinischen Personal angehört; dazu sagt in Kiew die bekannte Ärztin Olga Bogomolez:

"In erster Linie muss man heute das medizinische Personal schützen; dazu zählen auch alle Mitarbeiter der Rettung; ein Verletzter eines Verkehrsunfalles oder jemand mit einem Blinddarmdurchbruch kann mit dem Corona-Virus infiziert sein. Alle Patienten, die ein Krankenhaus zu behandeln hat, müssen geschützt sein als ob sie infiziert wären, doch diesen Schutz gibt es nicht. Ich habe mich bereits vor zwei Wochen an den Staatspräsidenten mit dem Wunsch gewandt, das gesamte medizinische Personal zu testen. Denn wir haben heute bereits Kreise, wo ganze Krankenhäuser geschlossen werden mussten, weil die Mehrheit des Personals mit dem Virus infiziert ist. Es fehlt an Masken, an Schutzausrüstung und Desinfektionsmitteln."

Bogomolez bewertet die Quarantäne-Maßnahmen positiv; auf den Intensivstationen seien genügend Betten vorhanden; Zustände wie in Italien und Spanien seien in der Ukraine nicht zu erwarten, allerdings aus Gründen, die an sich negativ zu bewerten seien, betont Bogomolez. Denn zur Risikogruppe beim Corona-Virus zählen auch Männer älter als 60 Jahre; doch die Lebenserwartung für Männer in der Ukraine liege bei 66 Jahren; somit gäbe nur wenige Personen, die zu dieser Gruppe zählten. Zweitens lebten viele Pensionisten ihr ganzes Leben in sozialer Isolation, erläutert Olga Bogomolez:

„Ein ukrainischer Pensionist denkt nicht daran, in welches Restaurant er heute Abendessen gehen könnte, oder in welches Kino, Theater oder Konzert. Denn dem Pensionisten reicht das Geld schon nicht, um Medikamente und Lebensmittel zu kaufen; daher können sich die Pensionisten am Abend auf die Bank vor dem Haus setzen und mit dem Nachbarn sprechen. Somit leben die Pensionisten in weitgehender sozialer Isolation, weil ihre Rente es ihnen nicht erlaubt, sozial aktiv zu sein. Somit wurde aus einem Minus jetzt ein Plus. Hinzu kommt, dass wir kaum Altersheime haben, denn im Falle einer Infektion ist die Sterberate dort sehr hoch."

Umfragen zeigen, dass eine klare Mehrheit der Ukrainer Präsident Volodimir Selenskij und die Quarantäne-Maßnahmen unterstützt; doch auch in der Ukraine gibt es einen wirtschaftlichen Wettlauf mit der Zeit; denn noch stärker als die medizinischen dürften die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise die Ukraine treffen. Statt eines Wachstums von vier bis fünf Prozent prognostizieren nun Experten einen Wirtschaftsrückgang von fünf Prozent; das Budgetdefizit dürfte von zwei auf acht Prozent steigen; bereits 500.000 Personen haben durch Krise und Quarantäne ihren Arbeitsplatz verloren. Hinzu kommen zwei Millionen Rückkehrer aus EU-Ländern; wie viele von ihnen wann oder überhaupt als Gastarbeiter wieder ins Ausland zurückkehren können, steht in den Sternen. Die österreichische Firma Eurogold, die in der Westukraine Bügelbretter und Wäscheständer produziert, konnte ihre eintausend Mitarbeiter bisher halten; doch je länger die Krise dauert, desto größer könnte die Unzufriedenheit in der Ukraine werden, sagt Tobias Grolitsch, einer von zwei Eigentümern der Firma:

"Die Leute leben hier mit einem wesentlich tieferen Monatseinkommen; wir reden hier von 250 bis 350 Euro; die können vielleicht zwei, drei Monate auskommen, aber irgendwann ist dann Schluss. Es gibt viel zu wenig Unterstützung von Seiten des Staates; was machen die ganzen Menschen, die hier jetzt plötzlich arbeitslos sind? Ich habe die Sorge, dass dadurch natürlich auch ein Risiko besteht der sozialen Unruhen. Es ist ja immer noch ein Großteil, das heißt, mehr als 50 Prozent, der ukrainischen Wirtschaftsleistung im schwarzen Bereich, das heißt, die ganzen Leute, die bisher etwas in cash verdient haben, haben heute was - nichts mehr."

Erwartet wird, dass Kiew die Quarantäne ab Mitte Mai lockert; klar ist bereits, dass die Ukraine Hilfe vom IWF, vom Internationalen Währungsfonds, und anderen Finanzinstitutionen brauchen wird. Doch die IWF-Hilfe hängt an einem Bankengesetz, das das Parlament noch verabschieden muss; es soll verhindern, dass Oligarchen wie Igor Kolomojskij Geld für ihre Banken bekommen können, die die Ukraine verstaatlichen und mit 10 Milliarden US-Dollar vor dem Ruin retten musste. Noch ist dieses Gesetz nicht verabschiedet, doch eine vernünftige Alternative dazu gibt es nicht, aber dafür weitere Herausforderungen; dazu zählt die Exportabhängigkeit der Ukraine, betont in Kiew der Wirtschaftsexperte und Präsidentenberater Oleg Ustenko:

"Etwa 30 Prozent unserer Wirtschaft hängt direkt davon ab, ob wir unsere Rohstoffe auf dem Weltmarkt verkaufen können. Ein Rückgang der Preise für Metalle um 10 Prozent bedeutet ernsthafte Verluste für unser Budget, und zwar von etwa 1,5 Prozent der Staatseinnahmen."

Selbst wenn die internationale Finanzhilfe sinnvoll verwendet und die von Kiew selbst geplanten wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen greifen sollten, steht die Ukraine somit vor enormen Herausforderungen, wobei ein Ende des Krieges in der Ostukraine auch weiter nicht in Sicht ist.