Kulturelles Leben im Kriegsgebiet der Ostukraine

Ukraine / Radio / kulturjournal / 2019-12-20 17:00

Einleitung

Seit mehr als fünf Jahren herrscht Krieg in der Ostukraine. Davon betroffen ist natürlich auch das kulturelle Leben an der Frontlinie und in den Gebieten von Donezk und Lugansk, die prorussische Separatisten kontrollieren. So erhielt etwa am Höhepunkt des Krieges im Jahre 2014 auch das Lager mit den Requisiten der Donezker Opfer einen Volltreffer; dabei verbrannte unter anderem die gesamte Dekoration für den Fliegenden Holländer, der zum Wagner-Jahr 2013 in Donezk zum ersten Mal seit Jahrzehnten auf dem Spielplan

Detail

Seit mehr als fünf Jahren herrscht Krieg in der Ostukraine. Davon betroffen ist natürlich auch das kulturelle Leben an der Frontlinie und in den Gebieten von Donezk und Lugansk, die prorussische Separatisten kontrollieren. So erhielt etwa am Höhepunkt des Krieges im Jahre 2014 auch das Lager mit den Requisiten der Donezker Opfer einen Volltreffer; dabei verbrannte unter anderem die gesamte Dekoration für den Fliegenden Holländer, der zum Wagner-Jahr 2013 in Donezk zum ersten Mal seit Jahrzehnten auf dem Spielplan gestanden hatte. Trotz des Krieges spielten aber die Theater in Donezk und Lugansk nur mit kurzen Unterbrechungen. Unser Ukraine-Korrespondent Christian Wehrschütz war jüngst wieder in Lugansk und hat den folgenden Beitrag über ein kulturelles Leben gestaltet, das allen Widrigkeiten zum Trotz weiter besteht:

Lugansk liegt in der Ostukraine, keine 100 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. In der Stadt gibt es drei Theater; traditionell dominieren russische Kultur und Sprache; diese Vorherrschaft ist durch die Herrschaft der prorussischen Separatisten und durch die immer stärker werdende Anbindung an Russland in den vergangenen Jahren noch größer geworden. Trotzdem spielt das Ukrainische Theater nach wie vor auch Stücke in ukrainischer Sprache. So steht auf dem Spielplan eine Art Musical mit dem Titel „Der Heiratsmarkt“. Ukrainische Volksmusik und ältere ukrainische Texte wurden für die Gegenwart adaptiert:

Geschildert wird in dem Stück das Leben in einem ukrainischen Dorf; junge Burschen sind schüchtern und müssen erst von durchaus selbstbewusst auftretenden Mädchen in den Hafen der Ehe geführt werden, wobei der Segen der Eltern erst nach einigem Hin-und-Her erwirkt werden kann.

Die Stadt Lugansk wurde im Jahre 2014 massiv von ukrainischer Artillerie beschossen. Wie wird ein derartiges Stück vom Publikum aufgenommen? Dazu sagt der Chefregisseur des Ukrainischen Theaters, Anatoli Jaworski:

"Sehr gut; einige Zuschauer schreiben uns ins Gästebuch, dass sie sich nach ukrainischen Liedern und Stücken sehnen; so haben wir auch dieses Thema aufgegriffen, ein klassisches ukrainisches Thema, das wir aber nicht in klassischer Form aufführen. Viele Zuschauer wollen ukrainische Klassik, ukrainische Lieder und alles, was die Ukraine betrifft."

Das 500 Plätze zählende Theater war jedenfalls ausverkauft. „Der Heiratsmarkt“ traf offensichtlich den Geschmack des Publikums:

Trotzdem gibt es bei älteren Zuschauern offensichtlich gewisse sprachliche Barrieren, wie die 57-jährige Svetlana bekennt, die mit ihrer Tochter in der Aufführung war:

"Mich interessieren russische Stücke mehr, ehrlich gesagt. Ich habe in der Schule weniger ukrainisch gelernt; ich bin schon in Pension. Wenn die Jungen schnell sprechen, dann verstehe ich die Sprache nur schlecht, ehrlich gesagt." Ich habe auch mehr russische Literatur gelesen."

Die besondere Bedeutung, die Theater gerade in Krisen- und Kriegszeiten spielen, betont die Journalistin Olga, die für eine Lokalzeitungen Theater-Kritiken schreibt:

"Das Theater ist sehr wichtig, denn sogar im Krieg traten die Schauspieler vor verwundeten Soldaten auf; das unterstützt und gibt Hoffnung. Solange wir lachen, leben wir."

Karten kosten im ukrainischen Theater zwischen 50 und 130 Rubel, das ist umgerechnet zwischen 70 Cent und knapp zwei Euro. Bezahlt wird in russischen Rubel, der vor einigen Jahren die ukrainische Währung Griwna ersetzt hat. Für österreichische Verhältnisse sind die Preise traumhaft niedrig, doch in Lugansk haben Rentner oft Pensionen von weniger als 100 Euro. Trotzdem sei der Andrang groß, betont der Direktor des Theaters, Vitalij Baldschi

"In den Jahren vor dem Krieg war die Lage etwas anders; jetzt gehen viel mehr Menschen ins Theater; jetzt sind die Karten oft ausverkauft und wir haben eine Auslastung von 70 bis 80 Prozent jeden Tag."

Vom Krieg blieb das Gebäude weitgehend verschont, nur einige Fenster gingen durch Artilleriesplitter zu Bruch, und kleinere Schäden sind auch noch an der Fassade sichtbar. Das Theater zählt 40 Schauspieler, etwa 20 Orchestermusiker und 16 Balletttänzer. Wirtschaftlich überlebt Lugansk nicht zuletzt durch die massive Arbeitsmigration nach Russland. Trifft sie auch das Ensemble? Dazu sagt Chefregisseur Anatoli Jaworskij:

Anatoli Jaworskij, Chefregisseur des ukrainischen Theaters

"Ich kann nicht sagen, dass viele abwandern, doch es kommen wenige hierher. Doch zu uns kommen viele Junge; wir haben einige 2015 eingeladen, die jetzt führende Schauspieler sind; wir haben auch jetzt drei Studenten, doch das personelle Rückgrat blieb hier."

Gastspiele des Theaters beschränken sich auf Städte, die von prorussischen Rebellen kontrolliert werden und natürlich auf Russland. Das Ensemble ist bereits in vielen Städten Russlands aufgetreten. Die Erfahrungen, die er dabei gemacht hat, schildert der Chefregisseur des Ukrainischen Theaters in Lugansk, Anatoli Jaworskij, so:

"Bei Gastspielen in Russland nimmt man uns auf als kleineren Bruder, wo die Kultur nicht besonders entwickelt ist. Wenn ich das mit uns vergleiche, was ich in Russland gesehen habe, dann sind wir vom Niveau ebenbürtig. Doch auf jeden Fall nimmt man uns auf als Flüchtlinge aus der Gegend, wo wir bombardiert werden, und es fällt ihnen schwer, zu verstehen, dass es bei uns Kultur gibt und auch weiter geben wird."