Das Mädchen Bridget und die Leihmutterschaft

Ukraine / Fernsehen / Mittag in Österreich / 2019-09-26 13:00

Einleitung

Die Ukraine ist eines der wenigen Länder in Europa, in dem Leihmutterschaft erlaubt ist, und zwar auch für Ausländer. Voraussetzung ist eine Ehe zwischen Mann und Frau, andere Formen von Lebensgemeinschaften sind nicht zugelassen. Vor allem nach Kiew kommen Ehepaare aus aller Herren Länder, vor allem aber aus der EU. Grund dafür sind das große und vielfältige Angebot an Leihmüttern und Spenderinnen von Eizellen aber auch die Preise. In der Ukraine kostet eine Leihmutterschaft insgesamt etwa 40.000 Euro, in Tschechien 50.000 Euro in den USA aber doppelt bis drei Mal so viel. Die ungenaue gesetzliche Regelung der Leihmutterschaft sowie das schlechte Justizwesen führen aber auch zum Missbrauch von Leihmutterschaft in der Ukraine. Einzelfälle reichen vom mutmaßlichen Kinderhandel bis zu Fällen, in denen genetische Eltern

Detail

Die Ukraine ist eines der wenigen Länder in Europa, in dem Leihmutterschaft erlaubt ist, und zwar auch für Ausländer. Voraussetzung ist eine Ehe zwischen Mann und Frau, andere Formen von Lebensgemeinschaften sind nicht zugelassen. Vor allem nach Kiew kommen Ehepaare aus aller Herren Länder, vor allem aber aus der EU. Grund dafür sind das große und vielfältige Angebot an Leihmüttern und Spenderinnen von Eizellen aber auch die Preise. In der Ukraine kostet eine Leihmutterschaft insgesamt etwa 40.000 Euro, in Tschechien 50.000 Euro in den USA aber doppelt bis drei Mal so viel. Die ungenaue gesetzliche Regelung der Leihmutterschaft sowie das schlechte Justizwesen führen aber auch zum Missbrauch von Leihmutterschaft in der Ukraine. Einzelfälle reichen vom mutmaßlichen Kinderhandel bis zu Fällen, in denen genetische Eltern die Annahme des Kindes verweigerten, weil es genetische Erkrankungen oder Behinderungen aufweist. Ein besonders tragischer Fall ist das Mädchen Bridget, das nun in einem Kinderheim in der Industriestadt Saporoschije lebt:

Berichtsinsert. Christian Wehrschütz aus der Ukraine

Insert1: Irina Krawez, Ärztin Heim „Sonnenschein“ in Saporoschije

Insert2: Natalija Siworakscha, Kinderombudsfrau der Stadt Saporoschije

Insert3: Volodimir Kotlik, Chefarzt der Klinik „Mutter und Kind“ in Kiew

Insert4: Olga, zum zweiten Mal Leihmutter in der Ukraine

Insert5: Sergij Antonow, Rechtsanwalt und Gründer der Agentur IRTSA

Insert6: Sergij Antonow, Rechtsanwalt und Gründer der Agentur IRTSA

Insert7: Mikola Kuleba, Kinderombudsmann der Ukraine

Gesamtlänge:

Bridget ist dreieinhalb Jahre alt. Geboren hat sie eine Leihmutter aus den Kriegsgebieten der Ostukraine; die genetischen Eltern stammen aus den USA. Das Mädchen war eine Frühgeburt und wog nur 800 Gramm. Ihre Zwillingsschwester starb, aber Bridget überlebte

"Trotz der Schädigung des zentralen Nervensystems und einer Rückständigkeit bei der motorischen und psychischen Entwicklung gibt es eine Perspektive. Das zeigt ihr Aufenthalt bei uns nach sechs Monaten, dass es Ergebnisse gibt. Bis zur Überstellung war sie in einem Krankenhaus ohne Rehabilitation. Doch bei uns arbeiten Psychologen, Logopäden, Pädagogen, Musiktherapeuten, insgesamt sieben Personen. Wir haben für das Mädchen eine spezielle Therapie entwickelt."

Die Eltern weigerten sich, das Kind anzunehmen; es ist noch immer staatenlos; erst seit August können Adoptiv-Eltern gesucht werden, denn das Kind ist auch Opfer eine bürokratischen Albtraums:

"Es verging allein ein halbes Jahr bis die Eltern entschieden hatten, ob sie das Kind nun in die USA nehmen oder nicht. Nachdem wir alle Dokumente und auch die Bestätigung durch die Konsuln der USA hatten, die für eine Adoption nötig sind, war es August 2018. Da versuchten wir, das Kind in das Geburtenregister einzutragen. Doch im Februar 2019 wurde dieser Eintrag wegen eines juristischen Formfehlers für ungültig erklärt; da haben wir dann noch einmal sechs Monate verloren ehe wir heuer im August das Kind wieder eintragen konnten."

Die Leihmutterschaft für Bridget soll über die Klinik Biotexcom in Kiew organisiert worden sein. Sie stand wiederholt mit Skandalen bei Fällen von Leihmutterschaft in Verbindung. Eine Interviewanfrage durch den ORF blieb unbeantwortet. Doch es gibt auch viele seriöse Kliniken, die das Wohl aller Beteiligten im Auge haben. In dieser Klinik entfallen nur 15 Prozent der künstlichen Befruchtungen auf Leihmütter, die zu 90 Prozent von Ausländern in Anspruch genommen werden. Die Auswahlkriterien sind streng:

"Das ist eine gesunde Frau, am häufigsten im Alter von 35 bis 36 Jahren. Diese Frau muss bereits ein gesundes eigenes Kind haben. Entscheidend ist, dass sie geistig und körperlich in der Lage ist, ein gesundes Kind zu gebären. Es gibt viele Filter, durch die nicht alle Bewerberinnen hindurchkommen. Dazu zählen infektiöse und psychosomatische Erkrankungen, denn eine Bewerberin wird auch von Anästhesisten und Psychologen untersucht. Haben wir Zweifel, können wir eine Bewerberin ablehnen, denn neun Monate Schwangerschaft eine zu große Last der Verantwortung nicht nur für die Frau, sondern auch für alle Beteiligten."

Die 31-jährige Olga ist zum zweiten Mal als Leihmutter schwanger; selbst hat sie bereits zwei Kinder im Alter von fünf und zehn Jahren. Beim ersten Mal bekam sie insgesamt 13.000 Euro, während ihr Mann nur 400 Euro im Monat verdient:

"Mein Mann wurde mit einem Infarkt ins Krankenhaus eingeliefert; ich hatte keinen Ausweg. Doch ich habe mich darauf eingestellt, denn damit helfe ich Ehepaaren, die keine Kinder haben. Als Mutter weiß ich, wie wichtig eine vollständige Familie ist, wie wichtig Kinder sind. Ich hatte keine Schwierigkeiten, ich habe die Schwangerschaft gut vertragen und leicht geboren. Ich habe die Eltern getroffen, ich sah glückliche Gesichter und war auch glücklich, ihr Glück zu sehen."

Ausländer nehmen vor allem über das Internet Kontakt mit Kliniken, Leihmüttern und Vermittlungsagenturen auf. Bei seriösen Agenturen wird umfassend informiert und rechtlich sauber gearbeitet. Große Vorsicht bei der Auswahl ist geboten:

"Es gibt etwa zehn legale Agenturen, doch im Internet kann man hunderte Angebote finden. Ich schätze, dass etwa 70 Prozent des Markts der Leihmutterschaft in der Ukraine ein Schwarzmarkt ist. Die Skandale die bekannt wurden, sind mit illegalen Programmen verbunden. Doch eine staatliche Kontrolle fehlt."

Und wie bewerten sie das Verhalten der genetischen Eltern?

"Die Mehrheit der Ehepaare, verhält sich sehr verantwortungsvoll. Die Leihmutterschaft ist keine Ware, das ist ein Mittel zur Heilung der Unfruchtbarkeit. Wir haben Fälle, wo Ehepaare bis zu 20 Mal versucht haben, das Problem durch künstliche Befruchtung zu lösen."

Der Fall Bridget zeigt, wie sehr die Ukraine eine klare gesetzliche Regelung der Leihmutterschaft braucht. Hart durchgreifen will der vom ukrainischen Präsidenten ernannte Kinderombudsmann:

"Im Falle von Leihmutterschaft mit Ausländern kennen wir schon ziemlich viele Fälle, die auftreten, wenn ausländische Ehepaare die Kinder in der Ukraine zurücklassen. Erst jüngst habe ich einen Fall untersucht, wo ein chinesisches Paar ein Kind in der Ukraine zurückgelassen hat, weil es eine genetische Erkrankung aufweist. Durch die mangelnde gesetzliche Regelung gibt es viele Rechtsverletzungen. Ich bin dafür, dass die Ukraine ein Moratorium über die Leihmutterschaft verhängt, vor allem für Ausländer aber nicht nur; dafür werde ich im Parlament eintreten. "

Ob es dazu kommt ist fraglich; sicher ist, dass Kinder kein Paar Schuhe sind, das zurückgeschickt werden darf, wenn sie dem Käufer nicht gefallen.