Gegner von COVID-Impfungen in Slowenien

Slowenien / Fernsehen / Report / 2021-10-12 21:00

Einleitung

Slowenien zählt zu den Ländern in der EU, in denen der Widerstand gegen eine Corona-Impfung besonders groß ist. Nach einer Umfrage des Gallup-Instituts ist die slowenische Bevölkerung in dieser Frage tatsächlich gespalten. 48 Prozent sagen demnach nein, 49 Prozent ja. Groß ist auch der Widerstand gegen Corona-Schutzmaßnahmen, die die Regierung angeordnet hat. Widerstand gibt es auch in anderen Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien, in denen die Durchimpfungsrate ebenfalls deutlich niedriger ist als in vielen Staaten der EU, obwohl etwa Impfstoff

Detail

Slowenien zählt zu den Ländern in der EU, in denen der Widerstand gegen eine Corona-Impfung besonders groß ist. Nach einer Umfrage des Gallup-Instituts ist die slowenische Bevölkerung in dieser Frage tatsächlich gespalten. 48 Prozent sagen demnach nein, 49 Prozent ja. Groß ist auch der Widerstand gegen Corona-Schutzmaßnahmen, die die Regierung angeordnet hat. Widerstand gibt es auch in anderen Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien, in denen die Durchimpfungsrate ebenfalls deutlich niedriger ist als in vielen Staaten der EU, obwohl etwa Impfstoff in Serbien in großen Mengen viel früher verfügbar war als in den meisten Ländern Europas. Unser Balkan-Korrespondent Christian Wehrschütz hat am Balkan mit COVID-Gegnern, Meinungsforschern und Politikern gesprochen und ist der Frage nachgegangen, was der gemeinsame Nenner all dieser Widerstände sein könnte:

Berichtsinsert: Christian Wehrschütz

Kamera: Andrej Suvacarov, Nikola Brajovic, Predrag Crvenkovic

Schnitt Mica Vasiljevic

Insert1: Andraz Zorko, Meinungsforscher in Slowenien

Insert2: Janez Poklukar , slowenischer Gesundheitsminister

Insert3: Zoran Stevanovic, Slowenische Partei gegen COVID

Insert4: Jovana Stojkovic, Bewegung für Impffreiheit

Insert5: Iris Zezelj, Meinungsforscherin in Serbien

Insert6: Andraz Zorko, slowenischer Meinungsforscher  

Gesamtlänge: 8’30

Slowenien ist der Staat im ehemaligen Jugoslawien, indem die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen am stärksten sind. So drangen im September Demonstranten in die Zentrale des staatlichen Fernsehens in Laibach ein, dem sie eine einseitige Berichterstattung vorwerfen. Das Staatsfernsehen war auf diese Angriffe völlig unvorbereitet; erst ein Polizeieinsatz konnte die Ordnung wieder herstellen.

Doch es kam auch zu rein friedlichen Protestaktionen im Stadtzentrum. Die weltanschauliche Bandbreite der COVID-Gegner ist ebenso groß wie in anderen Ländern. Nach Umfragen spielt bei der Impfbereitschaft vor allem das Alter eine Rolle, nicht aber die Bildung oder das Stadt-Land-Gefälle. Die Spaltung der slowenischen Gesellschaft geht aber weit über die Haltung zur Corona-Impfung hinaus:

Andraz Zorko

Meinungsforscher in Slowenien

4'37'4 - Spaltung durch 3G und Angriffe - 6'14'7

"Das beste Beispiel ist die Haltung zur drei-G-Regelung, die die Regierung vor einigen Wochen verschärft hat; das hat in einem Teil der Bevölkerung große Wut ausgelöst. Unsere Untersuchungen zeigen, dass die Bürger gespalten sind; eine Hälfte unterstützt diesen Beschluss, die andere Hälfte lehnt ihn ab. Dabei muss ich betonen, dass mehr als ein Drittel ganz entschieden dagegen ist. Diese Wut drückt sich auch in zwischenmenschlichen Beziehungen aus. Da kommt es sehr rasch zum Streit und zu Zwischenfällen, etwa in Gaststätten. Da erging es vor allem den Kellnerinnen sehr schlecht, die von ihren Chefs nicht geschützt wurden und auch Drohungen ausgesetzt waren."

Tatsache ist, dass die Impfbereitschaft in Slowenien zu den niedrigsten in der EU zählt. Nach Umfragen sind 12 Prozent der Bevölkerung kompromisslose Gegner einer COVID-Impfung, während 20 Prozent in ihrer Haltung schwanken. Diese Skepsis geht offensichtlich weit über die Corona hinaus, und zeigt sich auch bei anderen Impfungen:

9'33'2 - Warum niedrigere Impfbereitschaft – 11‘06‘3

"Slowenien hat es seit seiner Unabhängigkeit wahrscheinlich nicht ausreichend geschafft, seine Bewohner von der Bedeutung der Impfung zu überzeugen. Bei der Grippe haben wir nur eine Impfrate zwischen sechs und acht Prozent der Bevölkerung erreicht; das ist einer der niedrigsten Werte in Europa. Das ist ein Grund; der zweite betrifft nicht nur uns; auch wir wurden in den vergangenen Jahrzehnten zu sehr individuellen Menschen; da gibt es nicht mehr das Gefühl der zwischenmenschlichen Bindungen; daher betonen wir, dass uns die Epidemie zu einem gemeinsamen Ziel verbinden muss, und zwar so wie im Jahre 1990 als wir uns für die Unabhängigkeit entschieden haben."

Diese Einheit fehlt auch in der Politik. Ministerpräsident Janez Jansa, seine Regierung und die Opposition sind jedenfalls weit von einem politischen Schulterschluss entfernt wie er in Dänemark erreicht wurde, wo auch die Durchimpfungsrate enorm hoch ist. Trotzdem haben in Slowenien erklärte Impfgegner keine politische Vertretung im Parlament.

Doch auch in der Politik gibt es kein Vakuum, und so hat sich in Slowenien eine Anti-Covid-Partei gebildet. In der Stadt Kranj, 20 Kilometer nordwestlich von Laibach, hat diese Partei ihr bisher bescheidenes Büro. Geführt wird sie von Zoran Stevanovic, der Proteste gegen die Corona-Politik organisiert hat. Facebook ist sein zentrales Medium; er ist EU-Skeptiker und sieht Slowenien von korrupten Parteien regiert:

3'53'7 - Warum gegen COVID - 4'56'1

"Man brandmarkt uns als Impfgegner, doch das sind wir nicht. In Wahrheit sind wir COVID-Gegner und wir behaupten, dass COVID eine Plattform für Korruption und Manipulation darstellt. Covid ist eine Sache der Statistik, die klar auf der Seite jener ist, die alle Maßnahmen verneinen, als fruchtlos, unnötig und als Spielwiese für Korruption ansehen. Diese Maßnahmen zerstören gesunde Menschen und die Wirtschaft. Wir sind dafür, dass ein System der Empfehlungen angewandt wird."

4’00

Proteste gegen Covid-Maßnahmen gab es auch in anderen Ländern des ehemaligen Jugoslawien, allerdings gibt es noch keine politische Partei. Demonstriert wurde etwa in der kroatischen Hauptstadt Agram beim sogenannten „Festival der Freiheit“. In Kroatien haben bis Mitte September nur 42 Prozent der Bewohner auch die zweite Corona-Impfung bekommen. Im südlichen Nachbarland Montenegro liegt dieser Wert gar nur bei 34 Prozent. In Montenegro werden die Corona-Schutz-Maßnahmen nur halbherzig befolgt; ein negatives Beispiel bildet die einflussreiche Serbisch-orthodoxe Kirche auch bei Gottesdiensten mit vielen Gläubigen. Diese Haltung ist besonders absurd, weil etwa der Patriarch oder auch andere führende Bischöfe an den Folgen von Corona verstorben sind. Auch in Serbien ist die Bandbreite der COVID-Gegner groß. So weist die Organisation „Ich lebe für Serbien“ das Etikett „Anti-Vaxer“ zurück:

1'40 - Gegen Begriff AntiVaxer – 2‘35‘6 3'16'2

"Dieser Begriff ist falsch; jemand ist kein Anti-Vaxer, kein Impfgegner, nur weil er die freie Wahl haben will. Meine Bewegung und ich sind für die freie Wahl, ob wir uns impfen lassen oder nicht, weil jeder medizinische Eingriff, und dazu zählt auch eine Impfung, unerwünschte Nebenwirkungen haben kann. Auch bei anderen Eingriffen hat der Mensch die Entscheidungsfreiheit. Unser Aktivismus bezieht sich auf die Menschenrechte in der Medizin, und daher ist das eine politische Frage."

Zu Beginn des Vorjahres war Serbien das erste Land am europäischen Kontinent, das massenhaft über Impfstoff verfügte; doch nach einem ersten Andrang ist die Impfbereitschaft auch in diesem Land des Balkan spürbar gesunken, und nur 43 Prozent der Bevölkerung haben auch die zwei Dosis erhalten. Auch in Serbien nimmt die Impfbereitschaft ab, je jünger die Bevölkerung ist, hinzu kommt ein Stadt-Land-Gefälle, während die Bildung keine große Rolle spielt. Weniger als zehn Prozent sind radikale Imfpgegner; 20 Prozent, vor allem der jüngeren Serben, sind Impfskeptiker:

„Das sind mehrheitlich Menschen, die abwarten; einige verlassen sich auf ihre Immunität, auf ihr gesundes Leben und darauf, dass sie bisher nicht an Corona erkrankt sind. Andere bewerten das Risiko der Impfung und des Virus falsch, und denken, dass sich dieses Risiko in etwa die Waage hält. Andere sind nur vorsichtig, und neigen zu Mythen wenn es um die Corona-Impfung geht. So sagen junge Paare, dass sie die Impfung aufschieben, weil sie am Nachwuchs arbeiten.

(5'40)Ich halte es für falsch, diese Gruppe zu verurteilen, weil wir als Gesellschaft daran interessiert sein müssen, dass sich diese Menschen impfen; das ist mit einer Stigmatisierung nicht zu erreichen." (5'59)

Serbien und Slowenien haben sich in den vergangenen 30 Jahren sehr unterschiedlich entwickelt, von der Ukraine und anderen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion ganz zu schweigen. Trotzdem ist der Widerstand in all diesen Staaten gegen die COVID-Impfung und gegen Schutzmaßnahmen hoch, höher etwa als in entwickelten Staaten der EU. Doch was ist der gemeinsame Nenner dieser Staaten?

9'12'9 - Generation Y 80iger Jahre 9‘57‘8

„Die Generation, die die Impfung am stärksten ablehnt, ist die sogenannte Generation Y. Das sind Personen, die in den 80iger Jahren geboren wurden und in ihrer Kindheit den Zerfall eines Staates wie Jugoslawien erlebt haben und in der Zeit der Bildung eines neuen Staates aufgewachsen sind. Diese Generation hatte keinen festen Boden unter den Füßen und auch keine starke Identifizierung mit einem Staat. Zweitens erlebte diese Generation später große Enttäuschungen etwa bei der Privatisierung. Dieser Generation wurde nichts auf ihrem Lebensweg mitgegeben; die Erwartungen waren hoch, umso höher war die Enttäuschung."

Die Einstellung zur Corona-Politik dürfte daher mit der Grundeinstellung und dem Vertrauen zusammenhängen, die ein Bürger seinem Staat und seiner politischen Führung entgegenbringt – am Balkan ebenso wie in vielen anderen Ländern Europas.