30 Jahre Beginn des Zerfalls von EX JU

Slowenien / Radio / Europajournal / 2021-06-25 18:20

Einleitung

Vor 30 Jahren begann mit den Unabhängigkeitserklärungen von Slowenien und Kroatien der blutige Zerfall des sozialistischen Jugoslawien, das den Tod seines Staatsgründers, des Diktators Josip Broz Tito, gerade einmal um 10 Jahre überlebt hatte. Der Krieg in Slowenien dauerte nur zehn Tage, war aber leider nur ein Vorspiel für all die Schrecken, die dann in Kroatien, Bosnien und Herzegowina sowie im Kosovo noch folgen sollten. Der blutige Zerfall des ehemaligen Jugoslawien begann an der Staatsgrenze zwischen Österreich und Jugoslawien, der heutigen Grenze zu Slowenien, weil die Volksarmee versuchte, Grenzübergänge

Detail

Vor 30 Jahren begann mit den Unabhängigkeitserklärungen von Slowenien und Kroatien der blutige Zerfall des sozialistischen Jugoslawien, das den Tod seines Staatsgründers, des Diktators Josip Broz Tito, gerade einmal um 10 Jahre überlebt hatte. Der Krieg in Slowenien dauerte nur zehn Tage, war aber leider nur ein Vorspiel für all die Schrecken, die dann in Kroatien, Bosnien und Herzegowina sowie im Kosovo noch folgen sollten. Der blutige Zerfall des ehemaligen Jugoslawien begann an der Staatsgrenze zwischen Österreich und Jugoslawien, der heutigen Grenze zu Slowenien, weil die Volksarmee versuchte, Grenzübergänge wieder in Besitz zu nehmen, die slowenische Truppen kontrollierten. Dieser Krieg an der Staatsgrenze führte auch zum größten militärischen Einsatz des österreichischen Bundesheeres. Etwa 7.700 Soldaten waren von Ende Juni bis Mitte Juli 1991 in der Steiermark und in Kärnten im Einsatz. Unser Balkan-Korrespondent hat mit Zeitzeugen aus Österreich, Slowenien und Kroatien gesprochen und den folgenden Bericht über den Beginn des blutigen Dramas im ehemaligen Jugoslawien gestaltet:

Die Städte Bad Radkersburg und Gornja Radgona trennt seit dem Ende des Ersten Weltkrieges die Mur. Unter dem Dach der EU ist diese Grenze nun kaum mehr spürbar, doch vor 30 Jahren befand sich auf der slowenischen Seite der Mur-Brücke der jugoslawische Grenzübergang. Ihn besetzten am 28. Juni Einheiten der jugoslawischen Volksarmee; ihre Panzer standen direkt am Ufer der Mur. Auf österreichischer Seite steht die Kaserne in Radkersburg nicht weit von der Grenze entfernt. Wachkommandant war damals Martin Weber; den Kriegsbeginn erlebte er so:

"Mein Torposten fangt draußen zum Hupfen und zum Springen an und deit mit Hend und Fiaß; und i machs Fenster auf und schrei no: " Steh' grad!" Und er sagt ma, NEIN, er hört Kanonenschüsse. Dann habe ich sofort Alarm gegebn. Das war schon eine besondere Streßsituation, weil wir waren gefühlte acht System-Erhalter nur in der Kaserne da. Die Sechs-Monate-Präsenzdiener hat man ja kurz zuvor abrüsten lassen, und wir waren acht System-Erhalter - Koch Maler, drei Wachsoldaten, wie direkt an der Grenze der Krieg losgegangen ist."

Denn slowenische Soldaten der Territorialverteidigung und Freiwillige leisteten massiven Widerstand – auch in Gornja Radgona. Unmittelbar zu Kriegsbeginn fehlten vielfach noch schwere Waffen zur Bekämpfung von Flugzeuge und Panzern. Daher behalfen sich die Slowenen mit selbstgebastelten Sprengsätzen und Angriffen auf den Nachschub der jugoslawischen Volksarmee. An vorderste Front kämpfte damals Niko Brus, nunmehr Vorsitzender des Veteranen-Verbandes in Gornja Radgona. Einen Hinterhalt schildert Niko Brus so:

„Als die Volksarmee am 28. Juni nach Gornja Radgona kam, versammelten sich unsere Jungs in einem Gebäude an einer Zufahrtstraße zu Grenze und entschlossen sich zum Angriff mit Molotow-Cocktails. Dabei wurden etwa 10 LkWs vernichtet; das waren die Begleitfahrzeuge der Einheit. Somit blieb die Armee ohne Nachschub, Treibstoff und Wasser. Trotzdem fuhren ihre Panzer direkt zum Grenzübergang.“

In Gornja Radgona kämpften etwa 270 Slowenen, im ganzen Land waren es schließlich mehr als 30.000; dazu zählten die Territorialverteidigung, die Polizei und Freiwillige. Slowenien war auf den Krieg gut vorbereitet, erläutert der Vorsitzende des slowenischen Veteranenverbandes Ladislav Lipic:

„Der Nachrichtendienst der jugoslawischen Armee bewertete die Widerstandsfähigkeit der slowenischen Territorialverteidigung falsch. Die Armee rechnete nicht mit einem Widerstand zumal auch die Wirtschaft in der Krise war. Doch es gab nicht nur eine Rebellion der Öffentlichkeit, sondern auch einen bewaffneten Widerstand der Territorialverteidigung und der Polizei.“

Gering war dagegen die Kampfmoral der jugoslawischen Vielvölker-Armee. Außerdem konnte Slowenien über seine Nachbarstaaten Waffen beschaffen; ob diese Kanäle auch über Österreich liefen, ließen alle befragten Veteranen offen. Sehr wichtig war, dass auch die jugoslawische Seite als unfreiwilliger Waffenlieferant diente, betont Ladislav Lipic:

„Entscheidend war auch, dass die Einheiten der Territorialverteidigung Waffenlager der jugoslawischen Armee in Besitz nahmen, in denen sich schwere Waffen befanden. Dadurch bekamen wir enorm viele Waffen, sodass wir am Ende des zehntägigen Konflikts stärker waren als die Jugoslawische Armee.“

Der Krieg in Slowenien dauerte 10 Tage. Im Land lebten nur wenige Serben, daher hatte Belgrad kein massives Interesse, die kleine jugoslawische Teilrepublik zu halten. Auch deshalb forderte der Krieg in Slowenien weniger als 100 Todesopfer.

Ganz anders verlief der Krieg in Kroatien, wo viel mehr Serben lebten. Der Krieg dauerte vier Jahre, und allein auf dem Friedhof bei der Stadt Vukovar liegen 1000 gefallene Soldaten und getötete Zivilisten – das sind zehn Mal mehr Opfer als in Slowenien. Vukovar liegt an der Donau, die die Grenze zu Serbien bildet. Die Umgebung der Stadt war der Ort des ersten großen Kriegsverbrechens im ehemaligen Jugoslawien. Bei der Farm Ovcar ermordeten jugoslawische und serbische Verbände nach dem Fall von Vukovar im November 1991 etwa 200 kroatische Soldaten und Zivilisten.

Doch warum kam es überhaupt zum blutigen Zerfall von Jugoslawien – ein Staat, den der kommunistische Diktator Josip Broz Tito aus den Trümmern des Zweiten Weltkrieges geschaffen hatte. Sein letzter noch lebender Weggefährte, der ehemalige jugoslawischen Außenminister Budimir Loncar, ist nunmehr 96 Jahre alt. Die Hauptschuld am Zerfall schreibt Loncar dem serbischen Autokraten Slobodan Milosevic und der Führung der Volksarmee zu:


„Die jugoslawische Volksarmee spielte eine sehr negative Rolle. Sie war die Hauptstütze von Slobodan Milosevic. Analysiert man seine Schachzüge, so wollte er zunächst Jugoslawien reformieren, die Grenzen ändern und die föderale Verfassung des Jahres 1974 beseitigen. So beschloss Milosevic die Beseitigung der beiden autonomen Provinzen, der Vojvodina und des Kosovo, die konstitutive Elemente der Föderation waren. Dann forderte er am 14. Parteikongress im Jänner 1990 die Umsetzung des Prinzips „Eine Stimme – ein Jugoslawien“, was eine Majorisierung durch Serbien bedeutet hätte. Damals verließen Slowenien und Kroatien den Kongress, während die anderen Teilrepubliken nicht wussten, was sie tun sollten. Das war im Grund bereits der Beginn des Zerfalls von Jugoslawien.“

Zeitlich noch weiter zurückliegende Gründe für den Zerfall sieht der Kroate Stipe Mesic; er war der letzte Vorsitzende des jugoslawischen Staatspräsidiums; seiner Ansicht nach war Tito die entscheidende Klammer des Staates; Stipe Mesic:

„Das Jugoslawien, das Tito schuf, eine Föderation mit sechs Teilrepubliken und zwei autonomen Provinzen, konnte nur solange funktionieren, solange Tito lebte. Denn seine Autorität war der wichtigste Faktor des Zusammenhalts. Nach seine Tod konnte Jugoslawien nur als Konföderation überleben, doch dazu fehlte der politische Wille.“

 

Und die Folgen dieses Fehlens waren schrecklich wie die Kriege Kroatien, in Bosnien und Herzegowina und die Kosovo-Krise zeigen sollten, die 1999 zum Krieg der NATO führen sollte. Einen hohen Blutzoll zahlten alle Völker, auch die Serben. Politisch sind die Folgen des blutigen Zerfalls von Jugoslawien 30 Jahre später noch nicht bewältigt. Die Fehler der jugoslawischen Politiker von damals sowie die Versäumnisse des Westens lassen sich nicht so leicht aus der Welt schaffen oder gar ungeschehen machen. Um es mit Friedrich Schiller zu sagen: „Was man von der Minute ausgeschlagen, gibt keine Ewigkeit zurück.“