Sloweniens Kampf um die Unabhängigkeit

Slowenien / Zeitung / Kleine Zeitung / 2021-06-22 07:00

Einleitung

Der kleine Grenzübergang Grablach-Holmec bei Bleiburg macht einen sehr beschaulichen, wenn nicht gar verschlafenen Eindruck. Bei meinem Lokalaugenschein Anfang Juni wurde nur auf österreichischer Seite kontrolliert, und auch das nur wegen der Corona-Pandemie. Auf slowenischer Seite war gar kein Grenzpolizist anzutreffen, ihr kleines Haus war verschlossen und verwaist. Ein Gedenkstein auf slowenischer Seite erinnert jedoch daran, dass vor 30 Jahren

Detail

Der kleine Grenzübergang Grablach-Holmec bei Bleiburg macht einen sehr beschaulichen, wenn nicht gar verschlafenen Eindruck. Bei meinem Lokalaugenschein Anfang Juni wurde nur auf österreichischer Seite kontrolliert, und auch das nur wegen der Corona-Pandemie. Auf slowenischer Seite war gar kein Grenzpolizist anzutreffen, ihr kleines Haus war verschlossen und verwaist. Ein Gedenkstein auf slowenischer Seite erinnert jedoch daran, dass vor 30 Jahren die Lage bei Holmec ganz anders war. Damals filmte ein Team des ORF spektakuläre Bilder; sie zeigten mehrere unbewaffnete Personen mit einer weißen Fahne, die sich offenbar den slowenischen Territorialverteidigern ergeben wollten, die den Grenzposten angriffen. Plötzlich fallen Schüsse, die Personen suchen Deckung; wenig später brannte dann das Gebäude lichterloh.

Holmec ist der einzige Schauplatz im Slowenien-Krieg, wo der Verdacht auf Kriegsverbrechen bestand. Die Ermittlungen der slowenischen Polizei führte damals Drago Kos. Er betont im Interview, dass die Polizei damals das gesamte Filmmaterial, das greifbar war, gesichtet, und auch alle erreichbaren Zeugen einvernommen habe. Drago Kos Schlussfolgerung im Fall Holmec lautet: „Wir untersuchten mögliche Kriegsverbrechen auf beiden Seiten. Besonders interessierte uns, unter welchen Umständen drei jugoslawischen Soldaten und zwei unserer Polizisten fielen. Abgesehen von einem Soldaten ermittelten wir genau, wer die übrigen vier Personen getötet hat und wie. Wir stellten fest, dass sich das in einem normalen militärischen Konflikt ereignete. Unseren Bericht gaben wir dann an die Staatsanwaltschaft, die mit unserer Arbeit zufrieden war und keine weiteren Ermittlungen anordnete.“

Die Rückeroberung der von der slowenischen Territorialverteidigung besetzten Grenzübergänge war das vordringliche Ziel der jugoslawischen Volksarmee. Einerseits sollte damit demonstriert werden, dass der Versuch Sloweniens, sich von Jugoslawien abzuspalten, keine Aussicht auf Erfolg hatte. Zweitens ging es darum, die Zolleinnahmen wieder in jugoslawische Hand zu bekommen, die Laibach nicht mehr nach Belgrad ablieferte.

Aus diesen Gründen besetzte die Volksarmee unter Oberst Popow auch den Übergang bei Gornja Radgona und ließ Panzer am Ufer der Mur auffahren. Sie bildet seit dem Ende des Ersten Weltkrieges die Grenze zwischen Gornja Radgona (Oberradkersburg) und Bad Radkersburg. Die noch heute bestehende Brücke weihten vor mehr als 50 Jahren der jugoslawische Diktator Josip Broz Tito und Bundespräsident Franz Jonas ein. Auf der slowenischen Seite der Brücke erinnert ein Gedenkstein an die Kämpfe des Jahres 1991.

An vorderster Front im Einsatz war Niko Brus, nun Vorsitzender des Verteranen-Verbandes in Gornja Radgona. Brus führt mich an verschiedene Brennpunkte der Kämpfe. Dazu zählt eine Zufahrtstraße zur Mur-Brücke, wenige hundert Meter vom Fluss entfernt. Aus einem Haus heraus griffen slowenische Freiwillige und Soldaten eine Kolonne der jugoslawischen Armee an, erzählt Niko Brus: „Als Oberst Popow am 28. Juni nach Gorna Radgona kam, versammelten sich unsere Jungs und entschlossen sich zum Angriff mit Molotow-Cocktails. Dabei wurden etwa 10 LkWs vernichtet; das waren die Begleitfahrzeuge der Einheit. Somit blieb Popow ohne Nachschub, ohne Treibstoff und Wasser und so weiter, fuhr aber trotzdem direkt zur Grenze.“

Der slowenischen Territorialverteidigung mangelte es zu Kriegsbeginn an schweren Waffen. Trotzdem war Slowenien auf den Krieg weit besser vorbereitet als Kroatien. Die administrative Struktur der Territorialverteidigung blieb in Takt; Laibach und der damalige Verteidigungsminister Janez Jansa, - derzeit Ministerpräsident - missachteten den Befehl Belgrads und übergaben nicht alle Waffen der Volksarmee. Außerdem gelang es Slowenien, über Nachbarländer schwere Waffen zu importieren. Offensichtlich hatte die Volksarmee auch den Widerstandswillen der Slowenen unterschätzt, die im Gegensatz zur jugoslawischen Viel-Völker-Armee wussten, wofür sie kämpften.

Das Museum für Militärgeschichte in Pivka vermittelt einen umfassenden Eindruck über den Krieg in Slowenien. Untergebracht ist das Museum in einer ehemaligen Kaserne der jugoslawischen Volksarmee. Von hier aus rollten die ersten jugoslawischen Panzer an die Grenze zu Italien, und zwar am Nachmittag desselben Tages, an dem Slowenien in Laibach feierlich seine Unabhängigkeit proklamierte, erzählt der Direktor des Museums, Janko Bostjancic, und fügt hinzu:

„Die slowenische Führung wusste davon, verschwieg die Information aber der Öffentlichkeit. Für die slowenische Seite war es sehr wichtig, dass die Erklärung der Unabhängigkeit am Platz der Republik so feierlich wie möglich erfolgte, damit die Bilder des neuen Staates schneller verbreitet wurden als die Bilder vom Krieg, damit die jugoslawische Seite den Krieg nicht als Bürgerkrieg darstellen konnte, sondern damit diese Militäraktion dargestellt werden konnte als Aggression gegen einen unabhängigen Staat.“  

Diese Strategie ging auf. Der Krieg in Slowenien dauerte nur 10 Tage und forderte weniger als 100 Todesopfer. Belgrad ließ die abtrünnige jugoslawische Teilrepublik auch deshalb ziehen, weil es in Slowenien nur wenig Serben lebten. Slowenien hatte Glück, doch der 10 Tage-Krieg war leider nur der Auftakt zu all den Schrecken, die in Kroatien, Bosnien und im Kosovo noch folgen sollten.