Slowenien vor 30 Jahren

Slowenien / Fernsehen / Dobar Dan Koroska / 2021-06-19 12:00

Einleitung

Vor 30 Jahren begann mit den Unabhängigkeitserklärungen von Slowenien und Kroatien der blutige Zerfall des sozialistischen Jugoslawien, das den Tod seines Staatsgründers, des Diktators Josip Broz Tito, gerade einmal um 10 Jahre überlebt hatte. Der Krieg in Slowenien dauerte nur zehn Tage und forderte weniger als 100 Todesopfer. Dass Slowenien seine Unabhängigkeit erkämpfte lag auch an der guten Vorbereitung auf den Tag X, die bereits viele Monate vor Kriegsbeginn einsetzte. Der kurze aber heftige Krieg führte auch zum größten militärischen Einsatzes des Bundesheeres an der Staatsgrenze.

Detail

Vor 30 Jahren begann mit den Unabhängigkeitserklärungen von Slowenien und Kroatien der blutige Zerfall des sozialistischen Jugoslawien, das den Tod seines Staatsgründers, des Diktators Josip Broz Tito, gerade einmal um 10 Jahre überlebt hatte. Der Krieg in Slowenien dauerte nur zehn Tage und forderte weniger als 100 Todesopfer. Dass Slowenien seine Unabhängigkeit erkämpfte lag auch an der guten Vorbereitung auf den Tag X, die bereits viele Monate vor Kriegsbeginn einsetzte. Der kurze aber heftige Krieg führte auch zum größten militärischen Einsatzes des Bundesheeres an der Staatsgrenze.

Berichtsinsert: Christian Wehrschütz aus Slowenien

Insert1: Drago Kos, Ermittler der Polizei im Fall Holmec

Insert2: Drago Kos, Ermittler der Polizei im Fall Holmec

Insert3: Niko Brus, Obmann der Veteranenvereinigung in Gorna Radgona

Insert4: Generalmajor Ladislav Lipic, Vorsitzender des slowenischen Veteranenverbandes

Insert5: Janko Bostjancic, Direktor des Militärmuseums in Pivna

Insert6 Loje Peterle, Erster Ministerpräsident Sloweniens

Gesamtlänge: 6’00

Der Grenzübergang Gralblach-Holmec bei Bleiburg erweckt einen sehr beschaulichen Eindruck. Die Österreicher kontrollieren hier derzeit nur wegen der Corona-Pandemie; auf slowenischer Seite ist am Drehtag überhaupt kein Beamter am Grenzposten anzutreffen. Vor 30 Jahren war die Lage ganz anders. Ein ORF-Team filmte spektakuläre Bilder vom Kampf zwischen slowenischen Truppen und der jugoslawischen Volksarmee. Holmec ist der einzige Schauplatz im Slowenien-Krieg, wo der Verdacht von Kriegsverbrechen bestand:

Drago Kos 3’05 (23‘23’30 – 23‘24‘10) 3‘44

„Wir untersuchten mögliche Kriegsverbrechen auf jugoslawischer aber auch auf unserer Seite. Besonders interessierte uns, unter welchen Umständen drei jugoslawischen Soldaten und zwei unserer Polizisten fielen. Abgesehen von einem Soldaten ermittelten wir genau, wer und wie die übrigen vier Personen getötet hat. Wir stellten fest, dass sich das in einem normalen militärischen Konflikt ereignete. Unseren Bericht gaben wir dann an die Staatsanwaltschaft, die mit unserer Arbeit zufrieden war und keine weiteren Ermittlungen anordnete. Damit war die Sache beendet.“

Das heißt, die spektakulären Bilder zeigen nicht die Schlüsselereignisse?

Drago Kos 10’33 (23‘30’59 – 23‘31‘06) 10’41

„Diese Aufnahmen zeigen sicher nicht das Ereignis, das zu den Opfern in Holmec geführt haben.“

Heftige Kämpfe gab es auch bei Gorna Radgona, wo die Mur die Grenze zwischen Slowenien und der Steiermark bildet. 270 Slowenen stellten sich damals der Jugoslawischen Volksarmee entgegen; Erfolge erzielten sie etwa durch gezielte Angriffe auf Nachschub und Versorgung der jugoslawischen Truppen unter Oberst Popow:

Niko Brus Ort des Angriffs auf die Kolonne

0’21 ( 18‘30’19 – 18‘31‘03) 1‘05

„Als Oberst Popow am 28. Juni nach Gorna Radgona kam, versammelten sich untere Jungs in diesem Gebäude und entschlossen sich zum Angriff mit Molotow-Cocktails. Dabei wurden etwa 10 LkWs vernichtet; das waren die Begleitfahrzeuge der Einheit. Damit war Popow abgeschnitten und fuhr direkt zum Grenzübergang.“

Wesentlich für den Erfolg der Slowenen waren die Kampfmoral sowie die Vorbereitung auf den Krieg, die bereits viele Monate vorher begann:

Ladislav Lipic

3’54 (18‘51’01 – 18‘52‘10) 5‘02

„Eine gewisse Anzahl an Waffen gegen gepanzerte Fahrzeuge und gegen Flugzeuge hatte die Territorialverteidigung selbst. Bereits zu Beginn des Konflikts beschaffte der Staat Waffen gegen gepanzerte Fahrzeuge sowie Luftabwehrraketen; kurz die Waffen kamen. Entscheidend war auch, dass die Einheiten der Territorialverteidigung Waffenlager der Jugoslawischen Armee in Besitz nahmen, in denen sich schwere Waffen befanden. Dadurch bekamen wir enorm viele Waffen, sodass wir am Ende des zehntägigen Konflikts stärker waren als die Jugoslawische Armee.“

Von dieser Kaserne aus rollten am Nachmittag des 26. Juni 1991 die ersten Panzer der Volksarmee in Richtung Nova Gorica. Seit mehr als 15 Jahren ist hier nun das Museum für slowenische Militärgeschichte beheimatet; es enthält auch militärisches Gerät, das im Unabhängigkeitskrieg seine Bedeutung hatte:

Bostjancic2 2’13 (18‘25’45 – 18‘26‘ 21) 2‘50

„Dieser Hubschrauber ist sehr wertvoll, weil er das erste Luftfahrzeug war, das aus der jugoslawischen Luftwaffe in slowenische Hände fiel. Man muss wissen, dass der Anteil der Slowenen und Kroaten in der jugoslawischen Luftwaffe ziemlich hoch war, dass es viele Piloten aus diesen beiden Völkern gab. Daher bildete dieser Hubschrauber, mit dem zwei slowenische Jungs aus dem Marburger Flughafen zu uns überliefen einen sehr gefährlichen Präzedenzfall für die jugoslawische Luftwaffe.“

Während die Panzer von hier aus rollten vollzog die slowenische Führung in Laibach am Platz der Republik feierlich den Akt der Unabhängigkeitserklärung. Eine entscheidende Rolle auf diesem Weg spielte damals auch der christ-demokratische Politiker Lojse Peterle, der erste demokratisch gewählte Regierungschef des Landes:

Peterele Platz1 1’07 (22‘45’07 – 22‘46‘19) 2‘18

„Ich war glücklich, dass wir das erleben durften und dass wir vom Traum zur Realität der slowenischen Staatlichkeit und Demokratie kamen. Auf diesem Platz spürten wir den Hauch der Geschichte, doch während wir uns hier freuten, kamen bereits die Panzer, die in den Händen jener waren, die unsere Freiheit nicht kümmerte.“

Der Krieg in Slowenien dauerte 10 Tage und forderte weniger als 100 Todesopfer. Trotz aller Herausforderungen haben Slowenien und wohl auch Kroatien von ihrer Unabhängigkeit profitiert; bei den anderen Nachfolgestaaten des Tito-Staates fällt die Bilanz dagegen deutlich gemischter aus.