Serbien zwischen allen weltpolitischen Stühlen

Serbien / Radio / FJ7 / 2022-03-17 07:00

Einleitung

Serbien zählt zu den wenigen Ländern in Europa, die wegen des Krieges in der Ukraine keine Sanktionen gegen Russland verhängt haben. Staatspräsident Alexander Vucic hat zwar das Recht der Ukraine auf territoriale Integrität betont, weigert sich aber auch, Russland zu verurteilt. Moskau unterstützt Belgrad seit Jahren im Kampf gegen die Anerkennung der Unabhängigkeit des Kosovo; das ist ein Grund für Serbiens Haltung, in das nun vermehrt Russen strömen, um die westlichen

Detail

Serbien zählt zu den wenigen Ländern in Europa, die wegen des Krieges in der Ukraine keine Sanktionen gegen Russland verhängt haben. Staatspräsident Alexander Vucic hat zwar das Recht der Ukraine auf territoriale Integrität betont, weigert sich aber auch, Russland zu verurteilt. Moskau unterstützt Belgrad seit Jahren im Kampf gegen die Anerkennung der Unabhängigkeit des Kosovo; das ist ein Grund für Serbiens Haltung, in das nun vermehrt Russen strömen, um die westlichen Sanktionen zu umgehen. Auch die serbische Fluglinie hat Hochbetrieb auf der Linie von Belgrad nach Moskau und retour. Zur serbischen Haltung hat unser Balkan-Korrespondent Christian Wehrschütz den folgenden Beitrag gestaltet:

Prorussische Demonstrationen muss man in Europa seit Beginn des großen russischen Krieges gegen die Ukraine eher mit der Lupe suchen. Ein Land, in dem sie Anfang März stattfanden, ist Serbien. Im Zentrum versammelten sich einige hundert Demonstranten, schwenkten russische Fahnen, sangen die russische Hymne und riefen: „Serbien, Russland, wir brauchen die EU nicht.“ Wirtschaftlich stimmt das nicht, weil die EU und ihre Mitglieder nicht nur die wichtigsten Geldgeber, sondern auch Handelspartner sind. Andererseits hängt Serbien weitgehend von russischem Gas zu günstigen Preisen ab und prorussische Gefühle sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Zu diesem Zwiespalt sagt in Belgrad der Politologe Zoran Stojljkovic:

3'14‘3 - Kleine kommen unter die Räder - 4'09'5

„Dieses Land hat sich offiziell für die EU-Integration und die Zugehörigkeit zum Westen entschieden und ist auf diesem Weg. Doch es bestehen Interessen, die Wirtschaft und die Beziehungen zu balancieren. Einerseits herrscht in der Bevölkerung ein breites Verständnis dafür, dass Krieg und Aggression inakzeptabel sind; andererseits führt unsere Erfahrung mit dem NATO-Krieg im Jahre 1999, mit den Sanktionen und der Blockade dazu, dass ein großer Teil der Bevölkerung kein Verständnis für Sanktionen hat, insbesondere unter dem Aspekt, dass Serbien Sanktionen beim Energiesektor nicht aushalten könnte."

Staatspräsident Alexander Vucic balanciert daher bereits seit vielen Jahren zwischen Brüssel, Moskau, Washington sowie Peking und das bisher mit beachtlichem Erfolg. Durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine könnte der Druck auf Vucic aber zunehmen, sich klar zu entscheiden, betont Zoran Stojljkovic:

11'39'2 - Handlungsspielraum Serbiens – 12‘17‘8

"Ein gewisser Handlungsspielraum Serbiens mit dem Versuch eines Balancierens zwischen den politischen Blöcken hat bei der geographischen Lage Serbiens in dem Ausmaß Chancen, in dem Europa eine selbständige Rolle spielt, und die Beziehungen zwischen Paris-Berlin und Moskau entspannt sind. Doch wenn diese Beziehungen zerstört werden, dann stärkt das die Gegensätze in der Region und auch den Druck auf all jene Länder mit sogenannten prorussischen Positionen. Und das wird viele Probleme verursachen.“

Andererseits fehlt jede zeitlich klare EU-Beitrittsperspektive, sodass dieses Druckmittel jedenfalls kaum vorhanden ist.