Corona Virus Serbien und China

Serbien / Radio / Europajournal / 2020-03-27 18:20

Einleitung

Auch Serbien hat im Kampf gegen das Corona-Virus rigide Maßnahmen ergriffen. Dazu zählt eine Ausgangssperre von 17 Uhr bis fünf Uhr früh; völlig verboten, ihre Wohnung zu verlassen ist es in Städten Personen, die 65 Jahre und älter sind. In Dörfern beträgt diese Altersgrenze 70 Jahre. Nur am Sonntag zwischen vier Uhr und sieben Uhr in der Früh gilt diese totale Ausgangssperre für Pensionisten nicht, weil in diesen drei Stunden Lebensmittelgeschäfte nur für Pensionisten geöffnet sind. Geschlossen sind alle Restaurants, Kaffees und Sportstätten. Etwa 90 Prozent der Bevölkerung unterstützt diese Maßnahmen.

Detail

Auch Serbien hat im Kampf gegen das Corona-Virus rigide Maßnahmen ergriffen. Dazu zählt eine Ausgangssperre von 17 Uhr bis fünf Uhr früh; völlig verboten, ihre Wohnung zu verlassen ist es in Städten Personen, die 65 Jahre und älter sind. In Dörfern beträgt diese Altersgrenze 70 Jahre. Nur am Sonntag zwischen vier Uhr und sieben Uhr in der Früh gilt diese totale Ausgangssperre für Pensionisten nicht, weil in diesen drei Stunden Lebensmittelgeschäfte nur für Pensionisten geöffnet sind. Geschlossen sind alle Restaurants, Kaffees und Sportstätten. Etwa 90 Prozent der Bevölkerung unterstützt diese Maßnahmen. Der umfassende Kampf gegen das Virus begann Mitte März; mit Stand von gestern hat Serbien vier Todesopfer, knapp 400 Infizierte und 15 geheilte Patienten zu verzeichnen; doch bei knapp sieben Millionen Einwohnern wurden bisher nur knapp 1200 Personen getestet; das soll sich nun mit massiver Hilfe aus China ändern. Die serbische Führung wird nicht müde, die Rolle Chinas im Kampf gegen das Virus zu betonen, während der EU mangelnde Solidarität vorgeworfen wird. Über die Lage in Serbien berichtet unser Balkan-Korrespondent Christian Wehrschütz

Serbien zählt zu den Ländern mit der ältesten Bevölkerung in Europa; jeder vierte der 6,9 Millionen Einwohner ist ein Pensionist. Das Durchschnittsalter bei Männern liegt bei knapp 42 Jahren, bei Frauen bei mehr als 44 Jahren. Zu den ältesten Bezirken in Belgrad zählt Vracar mit einem Durchschnittalter von 44 Jahren. Auch in diesem Bezirk ist etwa jeder fünfte Bewohner älter als 65 Jahre und zählt somit zur Risikogruppe, die durch das Corona-Virus besonders gefährdet ist. Der Bezirk hat einen „Heißen Draht“ eingerichtet; …. vor allem junge Freiwillige arbeiten in dem Call Center und nehmen Bestellungen von Personen entgegen, die wegen ihres Alters ihre Wohnung derzeit nicht verlassen dürfen. Die Zahl der Anrufe steige ständig, sagt der stellvertretende Bezirksvorsteher von Vracar, Marko Nikic:

Begonnen haben wir mit 50 bis 100 Bestellungen pro Schicht und Tag; jetzt sind wir bereits bei zwischen 500 und 600 im Zeitraum von acht Uhr früh bis 15 Uhr. Das ist wirklich eine Herausforderung, doch wir bekommen immer mehr junge freiwillige Helfer; dazu zählen die Judoka von Roter Stern, die Kanzlei für Jugend des Bezirks Vracar und andere Organisationen, die unseren alten Mitbürgern helfen und helfen wollen."

Auch im Außendienst tragen alle Helfer Masken und Handschuhe, und erledigen Einkäufe und andere Aufgaben, erläutert Marko Nikic:

"Im Außeneinsatz sind täglich mehr als 100 Personen, die die ältesten Mitbürger versorgen. Dazu zählen Lebensmittel aber auch das Gassi gehen mit Haustieren, die Versorgung mit Medikamenten und viele andere Dienstleistungen, die gewünscht werden."

China war nicht nur der Ausgangspunkt des Virus, sondern ist außenpolitisch und wirtschaftlich auch ein wichtiger Partner Serbiens. Denn beim Projekt der neuen Seidenstraße ist Serbien der chinesische Brückenkopf am Balkan. Im Kampf gegen das Corona-Virus unterstütz die Volksrepublik die serbische Führung massiv mit Masken, medizinischer Ausstattung sowie Ärzten und anderen Experten. Sie beraten das Gesundheitsministerium auch bei der Auswahl von Örtlichkeiten, um zusätzlich Infizierte unterbringen zu können. Beim täglichen Briefing in Belgrad nannte Gesundheitsminister Zlatibor Loncar folgendes Beispiel:

"Wir haben den Experten aus China mehrere Örtlichkeiten gezeigt, die für die Aufnahme von Infizierten in Frage kommen. Unter all diesen Objekten haben die chinesischen Experten die Messe in Belgrad ausgewählt, und zwar wegen der möglichen Kontrolle; das betrifft gesonderte Eingänge für Patienten und für Ärzte und Pflegepersonal; hinzu kommen noch entsprechende Kriterien für die Sicherheit. Die chinesischen Experten haben auf der Basis ihrer Erfahrungen die Messe ausgewählt, weil sie ähnliche Objekte auch in China erfolgreich genutzt haben. Diese Experten werden auch genau festlegen, wie das in der Messe funktionieren wird."

An die Hilfe Chinas appellierte Staatspräsident Alexander Vucic bereits Mitte März als er die einschneidenden Maßnahmen im Kampf gegen das Virus bekanntgab; Alexander Vucic:

„Eine große internationale Solidarität, eine europäische Solidarität bestehen nicht. Das war ein Märchen auf dem Papier. In dieser schwierigen Lage hoffen wir nur auf China, denn aus der EU können wir keine medizinische Ausrüstung einführen, weil diese Länder selbst nicht genug haben. Daher haben wir China um alles gebeten, sogar um Ärzte, weil unsere schon ermüden.“

Vucics Kritik an die Adresse der EU ist nicht gerechtfertigt; so finanzierte Brüssel die Modernisierung des serbischen Gesundheitswesens in den vergangenen 20 Jahren mit etwa 450 Millionen Euro; ein Paradebeispiel ist die Modernisierung des Klinischen Zentrums in der Stadt Nis. Auch im Kampf gegen das Virus kann Belgrad mit mehr als 90 Millionen Euro aus Brüssel rechnen; doch das Marketing der EU ist in Serbien traditionell schlecht, und so dominiert derzeit die Hilfe aus China auch die öffentliche Wahrnehmung; dazu sagt in Belgrad der Meinungsforscher Marko Uljarevic:

"China hat es geschafft die Neuinfizierungen einzudämmen und ist nun in der Lage, auf der ganzen Welt einzugreifen, und zwar in einem Augenblick, wo es manchen Ländern an grundlegenden Dingen fehlt. Jede Hilfe wirkt daher enorm. Die EU wird sicher einen viel größeren Beitrag leisten, wenn es um die Beseitigung der wirtschaftlichen Folgen des Corona-Virus geht; doch in der ersten Phase, in der es um die Eindämmung geht, scheint mir, dass Europa nicht gemeinsam gehandelt hat, und dass es dafür irgendwann auch einmal einen politischen Preis wird bezahlen müssen, jedenfalls was die Wahrnehmung der Menschen betrifft. Diese Haltung kann die Beseitigung der wirtschaftlichen Folgen durch die Hilfe der EU abschwächen, doch das ist dann mittelfristig."

Dass beim Kampf gegen das Corona-Virus am Balkan eine gewisse Enttäuschung gegenüber der EU besteht, hat auch damit zu tun, dass die EU-Staaten auf diese Herausforderung nicht vorbreitet waren. Doch das werde zu keiner Abkehr von der EU führen, betont der frühere jugoslawischen Außenminister Goran Svilanovic:

"Natürlich ist jetzt jede Hilfe willkommen, und man sah, wie die Hilfe aus China in Italien und in Serbien empfangen wurde. Doch das heißt wirklich nicht, dass die Volkswirtschaften am Westbalkan von hier absiedeln werden; vielmehr bleibt die Festlegung auf den Beitritt zur EU; doch es ist richtig, dass in diesem Moment ein gewisses Maß an Enttäuschung besteht, wegen dem mangelnden Einsatz der EU in dieser Region. Doch auch innerhalb der EU besteht zwischen den Mitgliedern nicht die Solidarität, die zu erwarten war, und das muss so rasch wie möglich überwunden werden."

Das klarste Signal, das Brüssel an die Region setzte, war das grüne Licht der Außenminister für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit Albanien und Nordmazedonien. Dieser Beschluss wurde vor sechs Monaten wegen des Vetos aus Frankreich verschoben; damals war die Enttäuschung am Balkan groß; nun stieß der Beschluss nicht auf große öffentliche Resonanz, zu sehr dominiert der Kampf gegen das Virus – auch in Serbien. Trotzdem ist der Meinungsforscher Marko Uljarevic überzeugt, dass Serbien auf EU-Kurs bleibt:

"Ich glaube, dass Serbien seinen außenpolitischen Kurs nicht ändern und auf dem Weg Richtung EU bleiben und alles tun wird, um so rasch wie möglich Mitglied der EU zu werden. Ich glaube nicht, dass diese Krise, den Kurs in diesem Maße ändern wird."

Doch dieser Weg wird für Serbien, Montenegro, Nordmazedonien und Albanien ein sehr langer und dorniger sein. Denn derzeit gibt es in der EU genügend Staaten, die einer Aufnahme neuer Mitglieder sehr skeptisch gegenüberstehen; und die Verhandlungen mit Montenegro und Serbien dauern schon mehr als fünf Jahre, doch eine Ende ist überhaupt nicht in Sicht.