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20250926 ORF III Gagausien als prorussischer Faktor in Moldau Wehrsch Mod

Fernsehen
ORFIII
Berichte Republik Moldau

Berichtsinsert: Christian Wehrschütz aus der Republik Moldau

Insert1: Alexander Picker, Vorstandsvorsitzender der zweitgrößten Bank in Moldau

Innsert2: Alexander Dülger, Abgeordneter zum gagausischen Landtag

Innsert3: Alexander Dülger, Abgeordneter zum gagausischen Landtag

Insert4: Dimitri Ayoglu, Gagausischer Maler

Insert5: Sergej Atanasow, Bürgermeister von Komrat

Insert6: Igor Acbaș, Direktor einer Rinderfarm in Gagausien

Insert7: Maria Acbas, Direktorin der Molkerei Sana in Komrat

Insert8: Maria Acbas, Direktorin der Molkerei Sana in Komrat

Gesamtlänge:

Farbenfroh präsentieren sich die Gagausen bei Festen und Feiertagen ihn ihrer bäuerlichen, bunten Tracht, bei der die Farben Rot und Blau in verschiedenen Schattierungen dominieren. Im Alltag der regionalen Hauptstadt Komrat ist davon nichts zu bemerken. Komrat zählt etwa 20.000 Einwohner, de facto lebt jeder fünfte Bewohner der Region in dieser Stadt. Russisch dominiert das Leben vom Markt im Zentrum bis hin zu den Wahlplakaten, von denen nur wenige auf Rumänisch sind. Die Dominanz des Russischen bestätigt auch der Österreicher Alexander Picker, der seit mehr als drei Jahren die zweitgrößte Bank der Republik Moldau leitet, die aber in Gagausien die stärkste Bank ist:

Alexander Picker (Beginn)
10'15'7 - Russisch dominiert - 11'21'4
"Meiner Meinung nach ist ... zu lernen (10'36'1) - 11'05'9) also es ist ... Dokumente dort auf Russisch."

Der Landtag der autonomen Region umfasst 35 Abgeordnete; den Sitzungssaal, der eher einem Gemeinderat einer österreichischen Kleinstadt gleicht, zeigt mit der Abgeordnete Alexander Dülger; der 46-jährige spricht auch tatsächlich gagausisch; daher bitte ich ihn, mich zunächst in seiner Muttersprache zu begrüßen:

Geführt habe ich das Interview dann auf Russisch; Dülger wirft der Regierung in der Landeshauptstadt Chisinau vor, die gagausische Autonomie auszuhöhlen:

Alexander Dülger
13:46
„Wir sind der Meinung, dass die Gagausische Autonomie in vielen Finanzierungen durch das zentrale Budget unverhältnismäßig und nicht nur unausgewogen, sondern ungerecht eingeschränkt ist. Ja, sie finanzieren überall in der Republik Kindergärten und Schulen. Aber wenn wir die Bevölkerungszahl betrachten, die Pro-Kopf-Zahl, dann haben wir das Gefühl, dass wir ein wenig vom Zentrum benachteiligt werden.“

Überprüfen kann ich die Zahlen nicht; das gilt auch für die Kritik an der EU, die der Abgeordnete so formuliert:

Alexander Dülger
16:08
„Europäische Union? Schauen Sie. Wenn wir die Presse und Medien lesen, hat die Europäische Union über einen Zeitraum von vielleicht sogar 10 Jahren enorme finanzielle Mittel bereitgestellt. Riesige Mittel für die Entwicklung infrastruktureller Projekte usw. Aber wenn Sie die Fakten in den Gemeinden betrachten, dann spüren die Menschen das nicht. Um es milde auszudrücken.“

Gar nicht milde gestimmt, ist der auch international anerkannte gagausische Bildhauer und Maler Dimitri Ayoglu; er ist ein Urgestein der Autonomie-Bewegung; in der EU-Annäherung der Republik Moldau sieht er eine Bedrohung für die Existenz seiner Volksgruppe:

Dimitri Ayoglu, 9:04
„Wenn die Moldawier rufen: "Europa", bedeutet Europa in erster Linie die Vereinigung mit Rumänien und die Vernichtung all dieser Völker, die keine Moldawier, keine Rumänen sind, wie Gagausen und Bulgaren. Von den 40er bis in die 2000er Jahre sind in Rumänien die Gagausen vollständig verschwunden. Als ich damals mit dem Bus von Istanbul fuhr, fuhren wir durch ein gagausisches Dorf, da gab es keine Gagausen mehr. Moldawier, Rumänen, aber irgendwie haben sie uns ausgelöscht.“

Auch zu diesen Vorwürfen lassen sich keiner eindeutigen Zahlen der Bevölkerungs-entwicklung ermitteln; trotzdem zeigen die Vorwürfe, wie tief bei manchen Gagausen antirumänische und antiwestliche Gefühle sitzen.
Eine ganz andere Realität vermittelt ein Besuch beim Bürgermeister von Komrat: bereits im Korridor zu seinem Büro hängen mehr als 20 Tafeln mit westlichen Organisationen und Ländern aus der EU, die geholfen habe, die Infrastruktur von Komrat zu entwickeln; Bürgermeister Sergej Atanasow erläutert mir die Tafeln und sagt:

13:06 (Atanasow)
„Die Projekte der EU, das sind Kindergärten, Schulen, Renovierungen, Sportplätze; sie wurden auch im Rahmen des Kooperationsprogramms mit Deutschland, Rumänien und anderen Ländern, wie Tschechien, der Slowakei und den USA gebaut. Sogar die Straße, die neben dem Rathaus verläuft, wurde mit Mitteln der EU gebaut. Ich möchte in wenigen Worten sagen, dass wir ohne die Europäische Union unsere Länder nie entwickeln können.“

Diese These bestätigt der Sektor Landwirtschaft, der auch die widersprüchlichen Seiten einer EU-Annäherung zeigt; so besuche ich einen Betrieb mit mehr als 300 Kühen und Rindern, der mit Mitteln der USA und der EU modernisiert worden ist; trotzdem ist diese Farm in der EU weiterhin nicht konkurrenzfähig, schildert mir der Geschäftsführer Igor Acbas die Lage am Beispiel der Liter pro Milchkuh:

Acbaș Igor 0:42

„Während in Europa 40 oder 45 Liter erreicht werden, haben wir 33, weil wir nicht die qualitativ hochwertigen Futtermittel wie in Europa haben. Bei uns gibt es Dürre, weshalb wir diese Futtermittel nicht anbauen können. Die Genetik ist vorhanden, aber das Futter fehlt.“

Seine Mutter, Maria Acbas, leitet in Komart die Molkerei Sana; die größte von Gagausien; in der Frage der EU-Integration ihres Landes ist sie gespalten;

Maria Acbaș 6:59

„Für das Geschäft wird es sehr schwierig sein, denn wir haben das Niveau der europäischer Milchproduzenten noch nicht erreicht. Wenn der Staat bei der Reorganisation der Produktion und bei Innovationen helfen wird, dann wäre es für uns mehr oder weniger machbar. Wenn sie uns jedoch allein lassen, werden wir allmählich verschwinden, weil wir nicht konkurrieren können. Aus der Perspektive eines Bürgers sage ich, dass die EU sehr gut ist, denn sie bedeutet Entwicklung, Frieden für die Zukunft unserer Kinder und für uns. Daher kämpfen in mir zwei Menschen – ein Geschäftsmann, der Angst hat, den Absatzmarkt zu verlieren, und ein Bürger, der das Beste für seine Enkel und Kinder möchte.“

Und woher kommt die weitverbreitete Sympathie für Russland in Gagausien:

Maria Acbaș 9:25

„Ja, wir in Gagausien sind prorussisch, die Mehrheit der Menschen ist pro-russisch. Nun, ich denke, das größte Problem, über das wir mit Familie und Freunden sprechen, ist die Sprachbarriere. Ich denke, wenn es diese Sprachbarriere nicht gäbe, wenn wir die rumänische Sprache von Kindheit an gelernt hätten, wenn wir alles verstanden und auf Rumänisch kommuniziert hätten, hätten wir überhaupt keine Angst. Das denke ich. Oder sie wäre da, aber sie wäre ein bisschen geringer.“

So gibt es auch mehr als 30 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion in Komrat nur eine Schule, in der Rumänisch durchgehend Unterrichtssprache ist. Hinzu kommt die schwierige soziale und wirtschaftliche Lage durch massiv gestiegene Energie-preise, die bei der Parlamentswahl am Sonntag ebenfalls gegen die pro-westliche moldauische Regierung zu Buche schlagen könnte. Denn Dankbarkeit ist keine politische Kategorie, zumal die EU die Maxime: „Tu Gutes und sprich darüber“ viel zu wenig befolgt; auch daher bleibt abzuwarten, wie die Pro-EU-Parteien in Gagausien und Moldau insgesamt abschneiden werden.