20250926 EJ Gagausien als prorussischer Faktor in Moldau Wehrsch Mod
Farbenfroh präsentieren sich die Gagausen bei Festen und Feiertagen ihn ihrer bäuerlichen, bunten Tracht, bei der die Farben Rot und Blau in verschiedenen Schattierungen dominieren. Im Alltag der regionalen Hauptstadt Komrat ist davon nichts zu bemerken. Komrat zählt etwa 20.000 Einwohner, de facto lebt jeder fünfte Bewohner der Region in dieser Stadt. Russisch dominiert das Leben vom Markt im Zentrum bis hin zu den Wahlplakaten, von denen nur wenige auf Rumänisch sind. Die Dominanz des Russischen bestätigt auch der Österreicher Alexander Picker, der seit mehr als drei Jahren die zweitgrößte Bank der Republik Moldau leitet, die aber in Gagausien die stärkste Bank ist:
Alexander Picker (Beginn)
10'15'7 - Russisch dominiert - 11'21'4
"Meiner Meinung nach ist ... zu lernen (10'36'1) - 11'05'9) also es ist ... Dokumente dort auf Russisch."
Der Landtag der autonomen Region umfasst 35 Abgeordnete; den Sitzungssaal, der eher einem Gemeinderat einer österreichischen Kleinstadt gleicht, zeigt mit der Abgeordnete Alexander Dülger; der 46-jährige spricht auch tatsächlich gagausisch; daher bitte ich ihn, mich zunächst in seiner Muttersprache zu begrüßen:
Geführt habe ich das Interview dann auf Russisch; Dülger wirft der Regierung in der Landeshauptstadt Chisinau vor, die gagausische Autonomie auszuhöhlen:
Alexander Dülger
13:46
„Wir sind der Meinung, dass die Gagausische Autonomie in vielen Finanzierungen durch das zentrale Budget unverhältnismäßig und nicht nur unausgewogen, sondern ungerecht eingeschränkt ist. Ja, sie finanzieren überall in der Republik Kindergärten und Schulen. Aber wenn wir die Bevölkerungszahl betrachten, die Pro-Kopf-Zahl, dann haben wir das Gefühl, dass wir ein wenig vom Zentrum benachteiligt werden.“
Überprüfen kann ich die Zahlen nicht; das gilt auch für die Kritik an der EU, die der Abgeordnete so formuliert:
Alexander Dülger
16:08
„Europäische Union? Schauen Sie. Wenn wir die Presse und Medien lesen, hat die Europäische Union über einen Zeitraum von vielleicht sogar 10 Jahren enorme finanzielle Mittel bereitgestellt. Riesige Mittel für die Entwicklung infrastruktureller Projekte usw. Aber wenn Sie die Fakten in den Gemeinden betrachten, dann spüren die Menschen das nicht. Um es milde auszudrücken.“
Gar nicht milde gestimmt, ist der auch international anerkannte gagausische Bildhauer und Maler Dimitri Ayoglu; er ist ein Urgestein der Autonomie-Bewegung; in der EU-Annäherung der Republik Moldau sieht er eine Bedrohung für die Existenz seiner Volksgruppe; Dimitri Ayoglu:
Dimitri Ayoglu, 9:04
„Wenn die Moldawier rufen: "Europa", bedeutet Europa in erster Linie die Vereinigung mit Rumänien und die Vernichtung all dieser Völker, die keine Moldawier, keine Rumänen sind, wie Gagausen und Bulgaren. Von den 40er bis in die 2000er Jahre sind in Rumänien die Gagausen vollständig verschwunden. Als ich damals mit dem Bus von Istanbul fuhr, fuhren wir durch ein gagausisches Dorf, da gab es keine Gagausen mehr. Moldawier, Rumänen, aber irgendwie haben sie uns ausgelöscht.“
Auch zu diesen Vorwürfen lassen sich keiner eindeutigen Zahlen der Bevölkerungs-entwicklung ermitteln; trotzdem zeigen die Vorwürfe, wie tief bei manchen Gagausen antirumänische und antiwestliche Gefühle sitzen.
Eine ganz andere Realität vermittelt ein Besuch beim Bürgermeister von Komrat: bereits im Korridor zu seinem Büro hängen mehr als 20 Tafeln mit westlichen Organisationen und Ländern aus der EU, die geholfen habe, die Infrastruktur von Komrat zu entwickeln; Bürgermeister Sergej Atanasow erläutert mir die Tafeln und sagt:
13:06 (Atanasow)
„Die Projekte der EU, das sind Kindergärten, Schulen, Renovierungen, Sportplätze; sie wurden auch im Rahmen des Kooperationsprogramms mit Deutschland, Rumänien und anderen Ländern, wie Tschechien, der Slowakei und den USA gebaut. Sogar die Straße, die neben dem Rathaus verläuft, wurde mit Mitteln der EU gebaut. Ich möchte in wenigen Worten sagen, dass wir ohne die Europäische Union unsere Länder nie entwickeln können.“
Diese These bestätigt der Sektor Landwirtschaft, der auch die widersprüchlichen Seiten einer EU-Annäherung zeigt. Maria Acbas, leitet in Komart die Molkerei Sana; die größte von Gagausien; in der Frage der EU-Integration ihres Landes ist sie gespalten; Maria Acbas:
Maria Acbaș 6:59
„Für das Geschäft wird es sehr schwierig sein, denn wir haben das Niveau der europäischer Milchproduzenten noch nicht erreicht. Wenn der Staat bei der Reorganisation der Produktion und bei Innovationen helfen wird, dann wäre es für uns mehr oder weniger machbar. Wenn sie uns jedoch allein lassen, werden wir allmählich verschwinden, weil wir nicht konkurrieren können. Aus der Perspektive eines Bürgers sage ich, dass die EU sehr gut ist, denn sie bedeutet Entwicklung, Frieden für die Zukunft unserer Kinder und für uns.“
Und woher kommt die weitverbreitete Sympathie für Russland in Gagausien, frage ich Maria Acbas?
Maria Acbaș 9:25
„Die Mehrheit der Menschen ist pro-russisch. Nun, ich denke, das größte Problem ist die Sprachbarriere. Ich denke, wenn es diese Sprachbarriere nicht gäbe, wenn wir die rumänische Sprache von Kindheit an gelernt hätten, wenn wir alles verstanden und auf Rumänisch kommuniziert hätten, hätten wir überhaupt keine Angst.“
So gibt es auch mehr als 30 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion in Komrat nur eine Schule, in der Rumänisch durchgehend Unterrichtssprache ist. Hinzu kommt die schwierige soziale und wirtschaftliche Lage durch massiv gestiegene Energie-preise, die bei der Parlamentswahl am Sonntag ebenfalls gegen die pro-westliche moldauische Regierung zu Buche schlagen könnte.
Etiketten für Milchprodukte zwei Sprachen.
Alexander Picker (Schluss)
23'00'2 - Gas und Soziale Lage - 23'18'9
"Hat sich eigentlich dramatisch verschlechtert ... feindliches Land also."