bulgarischer Ministerpräsident kommt nach Skopje

Nord-Mazedonien / Radio / MiJ / 2022-01-18 12:00

Einleitung

Die EU-Annäherung des sogenannten Westbalkan verläuft seit fast 10 Jahren im Schneckentempo. Nach Kroatien im Jahre 2013 wurde kein Land mehr aufgenommen, obwohl mit Serbien und Montenegro seit mehr als sieben Jahren verhandelt wird. Ein besonders bezeichnender Fall ist aber Nord-Mazedonien. Seit 2004 empfahl die EU-Kommission 14 Mal die Aufnahme von Beitrittsgesprächen, die bis heute nicht begonnen haben. Zunächst blockierte sie Griechenland wegen des Namensstreits; nach dessen Beilegung blockiert nun seit November

Detail

Die EU-Annäherung des sogenannten Westbalkan verläuft seit fast 10 Jahren im Schneckentempo. Nach Kroatien im Jahre 2013 wurde kein Land mehr aufgenommen, obwohl mit Serbien und Montenegro seit mehr als sieben Jahren verhandelt wird. Ein besonders bezeichnender Fall ist aber Nord-Mazedonien. Seit 2004 empfahl die EU-Kommission 14 Mal die Aufnahme von Beitrittsgesprächen, die bis heute nicht begonnen haben. Zunächst blockierte sie Griechenland wegen des Namensstreits; nach dessen Beilegung blockiert nun seit November 2020 die Beitrittsgespräche; auch dabei geht es um die belastete Geschichte zwischen beiden Völkern. Heute nun ist der bulgarische Ministerpräsident Kiril Petkow zu seinem ersten Besuch in Skopje; zur Bedeutung des Besuches hören Sie nun einen Beitrag unseres Balkan-Korrespondenten Christian Wehrschütz:

„Neue Besen kehren gut!“ – lautet ein Sprichwort. Ob das für die Beziehungen zwischen Bulgarien und Nordmazedonien gilt, bleibt abzuwarten. Faktum ist, dass die Ministerpräsidenten beider Länder neu im Amt sind; der Bulgare Kiril Petkow seit Dezember, der Mazedonier Dimitar Kovachevski erst seit wenigen Tagen. Beide kommen aus der Wirtschaft und gelten als Pragmatiker. Pragmatisch äußerte sich Kiril Petkow in einem Interview, das er einem mazedonischen Medium vor dem Besuch gab. Darin bekundete er seine Bereitschaft zu einem Neubeginn und schlug vor, fünf bilateral Arbeitsgruppen zu bilden; sie sollen sich mit konkreten Projekten wie Wirtschaft, Kultur, Infrastruktur, EU-Integration und Geschichte befassen. Geschichte und nationale Identität sind die eigentlichen Themen, die die Beziehungen belastet; daher bildeten Skopje und Sofija nach der Unterzeichnung eines Freundschaftsvertrages im Jahre 2017 eine Expertenkommission für Geschichte und Bildungsfragen. Zu den Themen, die diese Kommission bisher bearbeitet hat, sagt eines ihrer mazedonischen Mitglieder, der Historiker Petar Todorov:

5'20'0 - Empfehlungen zu Personen – 5‘56‘4 6'28'6 - 6'39'7

"Die Kommission hat beiden Regierungen eine gemeinsame Ehrung historischer Persönlichkeiten vor allem aus der Zeit des Mittelalters empfohlen, die wichtig waren für die moderne kulturelle und historische Entwicklung beider Völker. Dazu zählen die Heiligen Kiril und Methodius sowie Zar Samuel, der im Zentrum eines symbolischen Streits zwischen der mazedonischen und bulgarischen Geschichtsschreibung steht."

In die Schulbücher beider Länder haben diese Empfehlungen noch nicht Eingang gefunden. Warum Geschichte am Balkan so wichtig ist, begründet in Skopje Petar Todorov so:

12'37'0 - Geschichte und Politik - 13'17'0

"Politiker missbrauchen auch die Vergangenheit, um Stimme zu gewinnen, und zwar um zu kompensieren und zu verdecken, dass sie wirkliche Probleme nicht gelöst haben. Wegen des Fehlens einer guten Zukunft bemühen sich Politiker eine bessere Vergangenheit zu schaffen. Darin liegt das Problem, dass die Geschichte viel zu sehr politisiert ist."

Ob die Ministerpräsidenten von Bulgarien und Nordmazedonien heute die ersten Schritte zur Überwindung der Vergangenheit setzen konnten, wird sich zeigen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt – obwohl EU-Beitrittsgespräche für Nordmazedonien weiter nicht in Sicht sind.