Montenegro geht Richtung zweiten Lockdown

Montenegro / Radio / MiJ / 2020-11-14 12:00

Einleitung

Bei der ersten Corona-Welle im Frühling galt Montenegro als der Musterschüler am Balkan. Die Maßnahmen gegen das Virus wurden rasch und kompromisslos getroffen und zeigten auch große Erfolge. Dafür hat aber die zweite Welle ab dem Spätsommer das kleine Balkan-Land massiv erwischt; ab Sonntag gelten nun massive Einschränkungen; am Wochenenden dürfen die Menschen Städte

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Bei der ersten Corona-Welle im Frühling galt Montenegro als der Musterschüler am Balkan. Die Maßnahmen gegen das Virus wurden rasch und kompromisslos getroffen und zeigten auch große Erfolge. Dafür hat aber die zweite Welle ab dem Spätsommer das kleine Balkan-Land massiv erwischt; ab Sonntag gelten nun massive Einschränkungen; am Wochenenden dürfen die Menschen Städte und Dörfer nicht verlassen, Gottesdienste müssen ohne Gläubige stattfinden, Gruppen dürfen nur mehr bis zu vier Personen umfassen und zwischen 21 Uhr und fünf Uhr früh gilt eine Ausgangssperre. Warum nun diese massiven Einschränkungen nötig wurden, darüber berichtet aus Podgorica unser Balkan-Korrespondent Christian Wehrschütz:

In Montenegro werden die zusätzlichen restriktiven Maßnahmen im Kampf gegen COVID zunächst bis 1. Dezember befristet sein; eine Verlängerung ist natürlich nicht ausgeschlossen. Wie sehr das knapp 700.000 Einwohner zählende Land die zweite Welle getroffen hat zeigt folgender Vergleich: während des erstens Lockdowns im Frühling gab es neun Tote, jetzt sind es seit September bereits mehr als 360; 80 Prozent der Toten sind älter als 60 Jahre. Dazu sagt in Podgorica der Epidemiologe Milko Joksimovic:

2'18'7 - Unterschiede und warum - 3'29

"In der ersten Welle hatten wir neun Tote in zwei Monaten, jetzt haben wir neun Tote täglich. Enorm sind auch die Unterschiede bei den Infizierten und den Hospitalisierten. Dafür gibt es mehrere Gründe. Bei der ersten Welle herrschten strenge Einschränkungen, die gute epidemiologische Resultate zeigten aber massive wirtschaftliche Folgen hatten. Bei der zweiten Welle fehlten massive Einschränkungen, die Bürger verhielten sich anders und außerdem hatten wir den Wahlkampf und Großveranstaltungen. In einigen Wochen hatten wir ein Viertel unserer Bevölkerung auf den Straßen, das führte zu enormen Infektionszahlen."

Ein weiterer enormer Infektionsherd waren die Trauerfeierlichkeiten für den vor zwei Wochen verstorbenen Metropoliten der serbisch-orthodoxen Kirche, Amfilohije Radovic; obwohl der 82-jährige nach einer Infektion mit dem Virus starb, hielten sich bei seinem Begräbnis nur wenige an die Maßnahmen zum Schutz gegen das Virus; warum dem so war, erläutert Milko Joksimovic so:

5'28'7 - Mangelnde Disziplin - 6'17'4

"Die Disziplin ist nicht zufriedenstellend. Es klingt paradox für Ausländer, doch bei uns gibt es Bürger, für die die Gesundheit nicht an erster Stelle steht. Da sind politische Zugehörigkeit und Religion wichtiger als die Gesundheit. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen, weil man das Verhalten manchen Menschen nicht anders erklären kann."

Trotzdem hat das Gesundheitswesen in Montenegro bisher der Pandemie standgehalten; auch die Zahl der Toten liegt im Verhältnis zu den Infizierten klar unter der Marke von zwei Prozent. Die meisten Patienten werden zu Hause behandelt, die Spitäler sind noch nicht überlastet, auch schwere Fälle mit anderen Erkrankungen können bisher behandelt werden. Doch nun steht auch die Grippe-Saison bevor; trotzdem ist Milko Joksimovic vorsichtig optimistisch:

Milko Joksimovic2:

8'43 - Grippe aber - 9'25'6

"Was mich ermutigt ist, dass noch nie vor einer Grippe-Saison so viele Masken getragen wurden, und dass wir in den vergangenen zehn Jahren nicht so viele Personen gegen Grippe geimpft haben wie heuer. Das gibt uns die Hoffnung, dass die Grippesaison heuer geringer ausfallen wird als in den Jahren davor, weil die allgemeine Vorbeugung weit verbreiteter war, doch natürlich wird die gesamte Belastung des Gesundheitswesens größer sein."