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20260413 ORFIII Sarajewo Safari oder Mord als Zeitvertreib Wehrsch Mod

Fernsehen
ORF III
Berichte Bosnien

Berichtsinsert: Christian Wehrschütz aus Sarajewo

Insert1: Stana Cisic, Mutter eines in Sarajewo getöteten Kindes

Insert2: Domagoj Margetic, Journalist in Kroatien

Insert3: Edin Subasic, ehemaliger Mitarbeiter des bosnischen Geheimdienstes

Insert4: Miran Zupanic, Filmregisseur in Slowenien

Gesamtlänge: 5‘28

Im Zentrum von Sarajewo stehen im Park unter der österreichischen Botschaft sechs Metallzylinder; darauf eingraviert sind 1601 Namen, die Namen jener Kinder, die während der serbischen Belagerung der Stadt getötet wurden. Zu den Opfern zählt die im Oktober 1993 ein Jahr alte Irina, die vier Tage nach ihrem Geburtstag von einem Scharfschützen erschossen wurde. Ihre Mutter Stana Cisic treffe ich beim Mahnmal; den Schicksalsschlag beschreibt sie so:

Stana Cisic

02:36
„Es war gegen 17 Uhr. Wir waren bei meinem Mann; er spielte mit Irina. Ich hielt vor dem Eingang an, wo unsere Nachbarin wohnte, wir unterhielten uns ein wenig. Ich hielt diesen Ort für ziemlich geschützt, weil auf beiden Seiten Gebäude waren. Irina wollte, dass ich sie ein wenig herunterlasse, da sie mit einem Jahr bereits lief. Da hörte ich nur einen dumpfen Ton und sah, dass mein Kind die Kraft verliert.“

Mit einem Auto brachten die Eltern Irina sofort ins Spital; nach der Operation lebte das Mädchen noch fünf Stunden, doch der Scharfschütze hatte zu viele wichtige Organe verletzt, und Irina war nicht zu retten. Ob ihr Mörder zu jener Gruppe zählt, die aus dem Ausland zur sogenannten Sarajewo-Safari anreisten, um auf Zivilisten schießen zu können, ist unklar. Weitgehend gesichert ist, dass es wie bei der Jagd unterschiedliche Preise gab. Dazu sagt in Zagreb der kroatische Journalist Domagoj Margetic, der sich seit 30 Jahren mit diesem Thema befasst:

Domagoj Margetic:

17:45
„Das waren damals ungefähr 80.000 Mark. 90 bis 100.000 Mark kosteten Schwangere, Kinder lagen bei 100 bis 120.000 Mark, und dann gab es auch 150.000 Mark, wenn Sie auf eine Mutter mit Kind schossen, die in diesem Moment zusammen waren. Also wirklich eine monströse Preisliste. Das war der Grundpreis, den man in Belgrad bezahlen mussten. Darin war nichts anderes enthalten außer dem Recht auf Zivilisten zu schießen, wenn man in Sarajewo ankam.“

Gesondert bezahlt werden mussten die Transportkosten nach Sarajewo, eine Reise, die meistens von Belgrad aus begann. Ausgangspunkt in Europa war Mailand, denn Italiener stellten bereits im sozialistischen Jugoslawien die größte Gruppe an Jägern. Darauf aufbauend dürfte sich dieses Geschäftsmodell entwickelt haben; davon erfuhr der ehemalige Mitarbeiter des bosnischen Geheimdienstes, Edin Subasic, durch das Verhör eines serbischen Kriegsgefangenen Ende 1993.

Subasic treffe ich am jüdischen Friedhof über der Stadt Sarajewo; er war im Krieg ein Niemandsland; vom Angelände aus feuerten Scharfschütz in die Stadt. Wie kam der serbische Kriegsgefangene zu Informationen über die Sarajewo Safari?

7:24
„In einem Auto machte der Serbe die Bekanntschaft von fünf Italiener, die aus Mailand kamen, eigene Waffen dabeihatten, und auf dem Weg nach Sarajewo waren. Was ihn interessierte war, wie viel Tagesgeld sie bekommen, dass sie in Sarajevo für die Serben kämpfen. Worauf ihm einer dieser Italiener antwortete, dass sie keinen Lohn bekommen, sondern dass sie die Serben bezahlen, um in Sarajevo auf Zivilisten in der Stadt schießen zu können. Wir sind keine Soldaten, wir sind Jäger, wir sind auf Safari gekommen. Ich hörte damals zum ersten Mal von diesem Phänomen und wir verlangten, dass dieser Soldat erneut befragt wird. Und nach einigen Tagen wiederholte er die Geschichte Wort für Wort.“

Edin Subasic ist bei weitem nicht die einzige seriöse Quelle; eine weitere, einen ehemaligen Mitarbeiter des jugoslawischen Geheimdienstes, der während des Krieges für die Amerikaner arbeitete, lässt der slowenischen Regisseur Miran Zupanic, in seinem Film im Jahre 2020 zu Wort kommen.

Welche Chancen sieht er nun für ein juristisches Nachspiel?

10‘24

„Im Grunde hat dieser Fall eine große Öffentlichkeit bekommen. Das ist gut und das ist schlecht. Gut ist es, weil sich auf diese Weise das Wissen darüber verbreitet, was menschliches Böses alles sein kann. Andererseits könnten auf diese Weise die Täter materielle Beweise vernichten, Fotografien, Videoaufnahmen, irgendwelche Trophäen und so weiter. Vielleicht einige Dokumente über Wege. Was jetzt am wichtigsten ist, dass es der Staatsanwaltschaft in Mailand gelingt, die Dokumentation der Nachrichtendienste, der Polizei beziehungsweise dieser Behörden, dieser Archive, zu erhalten, von denen wir hoffen, dass sie dennoch unberührt sind.“

Aktenkundig ist die Sarajevo Safari auch durch zwei Aussagen vor dem Haager Tribunal; doch ein juristisches Nachspiel lässt bisher auf sich warten; vielleicht ändert sich das nun durch die Untersuchung der Staatsanwaltschaft in Mailand, die mehr als 30 Jahre später die Mauer des Schweigens zum Einsturz bringen könnte.

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