Der Balkan und der Nobelpreis für Handke

Bosnien / Radio / Mij / 2019-12-09 12:00

Einleitung

Morgen erhält Peter Handke in der schwedischen Hauptstadt Stockholm den Literaturnobelpreis. Die Zuerkennung des Preises an den Kärntner Schriftsteller war zwar kaum literarisch, dafür aber umso mehr politisch umstritten. Grund dafür ist Handkes Parteinahme für Serbien und den ehemaligen serbischen Autokraten Slobodan Milosevic, der im Jahre 2006 in einer Zelle des Haager Kriegsverbrechertribunals noch vor dem Ende des Prozesses starb. Dementsprechend widersprüchlich fiel vor allem am Balkan die Reaktion auf

Detail

Morgen erhält Peter Handke in der schwedischen Hauptstadt Stockholm den Literaturnobelpreis. Die Zuerkennung des Preises an den Kärntner Schriftsteller war zwar kaum literarisch, dafür aber umso mehr politisch umstritten. Grund dafür ist Handkes Parteinahme für Serbien und den ehemaligen serbischen Autokraten Slobodan Milosevic, der im Jahre 2006 in einer Zelle des Haager Kriegsverbrechertribunals noch vor dem Ende des Prozesses starb. Dementsprechend widersprüchlich fiel vor allem am Balkan die Reaktion auf die Ehrung für Handke aus, der auch auf kritische Journalistenfragen sehr ausfallend reagierte. Im Rahmen der Zeremonie sind auch morgen Proteste in Stockholm zu erwarten, etwa durch Vertreter der Hinterbliebenen des Massenordes in Srebrenica im Jahre 1995; damals ermordeten serbische Einheiten etwa 8000 Bosnjaken. Über die Reaktionen auf Peter Handke am Balkan berichtet unser Balkan-Korrespondent Christian Wehrschütz:

Peter Handke ist am Balkan wegen seiner Verteidigung der Rolle Serbiens im Jugoslawien-Krieg weit bekannter als wegen seiner Bücher. Zwar wurden einige seiner Werke ins Serbische übersetzt, doch Breitenwirkung als Autor erlangte er nie; das triff sogar auf Serbien zu, wo der Kärntner natürlich politisch populär ist, und die Verleihung des Nobelpreises mit Genugtuung registriert wurde. Dagegen verurteilten Albaner und Bosniaken die Auszeichnung scharf; bereits bei ihrer Bekanntgabe demonstrierten in Sarajewo Hinterbliebene des Massakers an 8000 Bosniaken in Srebrenica gegen den Nobelpreis für Peter Handke. Murat Tahirovic vom Verband der Zeugen und Opfer des Völkermordes formulierte seine Kritik so:

"Peter Handke hat die Verbrecher in Bosnien unterstützt hat, vor allem Slobodan Milosevic aber auch alle anderen. Eine derartige Person verdient keine Auszeichnung, und schon gar nicht den Nobelpreis."

Die Demonstranten in Sarajewo trugen Transparente mit folgenden Aufschriften: „Das Bestreiten des Völkermordes ist die letzte Phase des Völkermordes.“ Und: „Die Auszeichnung für Peter Handkes ist eine Auszeichnung für Slobodan Milosevic.“

In Belgrad stürzte der serbische Autokrat Slobodan Milosevic im Oktober 2000. Im Frühsommer 2001 wurde er an das Haager Tribunal ausgeliefert; dort besuchte ihn Peter Handke. Mitte März 2006 starb Milosevic an Herzinfarkt in einer Zelle des Tribunals. Beim Begräbnis in Milosevics Geburtsstadt Pozarevac trat auch Handke auf und sagte:

„Ich weiß, dass ich die Wahrheit nicht weiß. Aber ich schaue, höre, fühle, erinnere mich. Daher bin ich heute hier, nahe bei Jugoslawien, bei Serbien, bei Slobodan Milosevic.“ ….

Doch 2006 waren viele Wahrheiten über Slobodan Milosevic bekannt und konnten auch von einem Schriftsteller gewusst werden, der wie Peter Handke nur radebrechend serbisch spricht. Die Persönlichkeit des Kärntner Autors beschreibt in Agram der kroatische Philosoph Zarko Puhovski so:

"Peter Handke ist ein 68iger, und sein Schreiben war inspiriert von den Haltungen der 68iger, das bedeutet - ich bin gegen die Mehrheit. Wenn die Mehrheit meines Landes, in Westeuropa und unter den Kapitalisten für Kroatien und Bosnien und Herzegowina ist, dann bin ich für die Serben; das kann man verstehen, bis zu dem Punkt, wo er den Völkermord in Srebrenica verteidigt. Das ist ein Punkt, den man nicht überschreiten darf. Doch man muss einfach einen großen Schriftsteller trennen von einem kleinen Menschen. "

Eine weise Einstellung, die nicht nur für Peter Handke gelten sollte, unabhängig davon, ob er nun den Literaturnobelpreis zu Recht bekommen hat oder nicht.