Medjugore und die Amtskirche

Bosnien / Radio / Praxis / 2019-11-08 12:00

Einleitung

Vor fast 40 Jahren kam es an zwei weit auseinanderliegenden Orten zu Marien-Erscheinungen – 1981 in Kibeho in Ruanda in Afrika, und in Medjugore im damals kommunistischen Jugoslawien. Während die katholische Kirche die Erscheinungen in Kibeho anerkannt hat, steht diese Anerkennung in Medjugore, in Bosnien und Herzegowina weiterhin aus. Nicht veröffentlicht hat Rom bisher den Bericht, den dazu eine Kommission unter Kardinal Camillo Ruini bereits vor fünf Jahren verfasst hat. Im Mai dieses Jahres gestattete aber Papst Franziskus, dass nun Priester und Bischöfe offiziell Wallfahrten nach Medjugore durchführen können. Dort kommt es bis heute zu mystischen Erlebnissen der

Detail

Vor fast 40 Jahren kam es an zwei weit auseinanderliegenden Orten zu Marien-Erscheinungen – 1981 in Kibeho in Ruanda in Afrika, und in Medjugore im damals kommunistischen Jugoslawien. Während die katholische Kirche die Erscheinungen in Kibeho anerkannt hat, steht diese Anerkennung in Medjugore, in Bosnien und Herzegowina weiterhin aus. Nicht veröffentlicht hat Rom bisher den Bericht, den dazu eine Kommission unter Kardinal Camillo Ruini bereits vor fünf Jahren verfasst hat. Im Mai dieses Jahres gestattete aber Papst Franziskus, dass nun Priester und Bischöfe offiziell Wallfahrten nach Medjugore durchführen können. Dort kommt es bis heute zu mystischen Erlebnissen der Seherin Mirjana, die Gläubige als Botschaften der Gottesmutter Maria deuten. Bereits im Februar 2017 bestellte der Papst den polnischen Erzbischof Henryk Hoser zum Apostolischen Visitator für Medjugore, eine Ernennung die aber nicht als Präjudizierung der Bewertung der Erscheinungen gedeutet werden kann. Trotzdem hat die Genehmigung von Wallfahrten Medjugore weiter Auftrieb verliehen, das im Vorjahr etwa eine Million Besucher aus aller Welt zählte. Aus Medjugorje berichtet unser Balkan-Korrespondent Christian Wehrschütz:

Medjugorje ist der bekannteste Wallfahrtsort im ehemaligen Jugoslawien. Am Berg der Erscheinung kennzeichnet eine Marien-Statue den Ort, wo im Sommer 1981 die Gottesmutter sechs Kindern erschienen sein soll. Trotz des Widerstands der damaligen kommunistischen Machthaber setzte bald ein Pilgerstrom aus dem Ausland ein, der nur durch die Zerfallskriege im ehemaligen Jugoslawien unterbrochen wurde. Zu den Pilgern zählen natürlich Österreicher; sie betreut vor Ort Schwester Kerstin. Die 31igjährige Steirerin entschloss sich mit 20 Jahren für diesen geistlichen Beruf. Ihre Gemeinschaft heißt „Maria-Königin des Friedens“, das ist der Name, unter dem Maria auch in Medjugorje verehrt wird. Warum Kerstin gerade diese Gemeinschaft gewählt hat, erläutert sie so:

"Unsere Ordensgemeinschaft ist eine franziskanische Ordensgemeinschaft; das hat mich immer schon angesprochen, schon durch den Jugend-Gebetskreis, weil wir da mit Kapuzinern zu tun gehabt haben. Für mich war auch wichtig, in eine apostolische Gemeinschaft zu gehen, die auch nach außen mit den Leuten arbeitet, um eben Jesus, Gott, das Evangelium allen Geschöpfen zu bringen, so wie es auch der Heilige Franziskus gesagt hat."

Und was fasziniert Sie an diesem Wallfahrtsort? Dazu sagt Schwester Kerstin:

'An Medjugore ist das Faszinierende für mich, dass hier wirklich der Glaube gelebt wird. Oft fährt man an Wallfahrtsorte, und alles ist so starr oder abgestumpft, und hier erfährt man wirklich diesen lebendigen Glauben, das Gebet."

Seit der Genehmigung von Wallfahrten durch den Papst im Mai dieses Jahres verzeichnet der Ort einen deutlichen Anstieg an Besuchern – plus 20 Prozent in den vergangenen drei Monaten. Der Bedarf an pastoraler Betreuung nimmt somit weiter zu; eine ausreichende Zahl an Priestern zu gewährleisten zählt zu den Aufgaben von Erzbischof Henryk Hoser, seit fast zwei Jahren Apostolischer Visitator in Medjugorje. Was unterscheidet kirchenrechtlich diesen Wallfahrtsort von Lourdes oder Fatima? Darauf antwortet Henryk Hoser so:

"Verglichen mit anderen Orten wie Lourdes und Fatima, sind das Orte, an denen die Kirche die Erscheinungen anerkannt hat. Hier ist die Lage anders; die Erscheinungen und die damit verbreitet Botschaften sind nicht anerkannt, aber anerkannt ist, dass hier ein Ort der Marien-Verehrung besteht, sowie daß Maria hier angerufen wird als die "Königin des Friedens", eine Bezeichnung, die seit dem Ende des Ersten Weltkrieges verwendet wird."

Henryk Hoser hat viele Jahre in Afrika gewirkt. Dort hat Rom die Marien-Erscheinungen in Kibeho in Ruanda anerkannt, während eine abschließende Bewertung für Medjugorje in Bosnien und Herzegowina nach wie vor auf sich warten lässt. Den Unterschied erläutert Henryk Hoser so:

"In Kibeho in Ruanda fanden die Marien-Erscheinungen 1981 statt. Sie sind anerkannt und drei Seherinnen sind anerkannt. Hier ist die Lage etwas schwieriger, weil die Erscheinungen noch andauern; daher ist es nicht so leicht, irgendeine abschließende Bewertung abzugeben, daher wird beobachtet, so lange diese Erscheinungen andauern. Hier wird beobachtet, ob alles in Übereinstimmung mit den Evangelien und dem kirchlichen Lehramt stattfindet und das sind die Kriterien, die beachtet werden."

Regelmäßige Erscheinungen hat nach wie vor die Seherin Mirjana, eine der sechs Personen, der Maria auch im Jahre 1981 erscheinen sein soll. Meistens finden die Erscheinungen beim Blauen Kreuz am Fuße des Erscheinungsberges statt. …

… Zunächst wird der Rosenkranz gebetet und dann wirkt Mirjana für einige Minuten wie in Trance; dabei soll sie Botschaften empfangen, die dann aufgeschrieben und verbreitet werden. Am zweiten November, zu Allerseelen, begann diese Botschaft mit folgenden Worten:

„Meine lieben Kinder

Mein geliebter Sohn hat immer zu seinem himmlischen Vater gebetet und ihn gepriesen. Er hat ihm immer alles gesagt und sich auf seinen Willen verlassen. Das sollt auch ihr tun, meine teuren Kinder, weil der himmlische Vater immer auf seine Kinder hört. Der himmlische Vater hat sich in einem menschlichen Antlitz geschenkt, und das ist das Antlitz meines Sohnes. Ihr, die Apostel meiner Liebe, ihr solltet immer das Antlitz meines Sohnes in euren Herzen und euren Gedanken tragen.“

Viele dieser Botschaften haben zwei Kommissionen bewertet, die die Kirche vor Ort sehr rasch nach den ersten Ereignissen vor fast 40 Jahren einsetzte. Gesprochen wurde dabei mit den Seherinnen und den Priestern vor Ort. Die Meinungen der Kommissionsmitglieder gingen auseinander. Sehr skeptisch bewertet in Sarajewo der Theologe Mato Zovkic die damaligen Botschaften:

"Ich habe den Inhalt der Botschaft sehr kritisch bewertet, weil ich festgestellt habe, dass die Sprache, die die Kinder verwenden, um die Botschaften der Gottesmutter zu formulieren, dass diese Sprache von Predigern stammt, die in Medjugore auftreten. Hätte es dort damals nicht bestimmt Franziskaner gegeben, die einer charismatischen Bewegung angehörten, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Erlebnisse der Kinder nicht zu Erscheinungen der Gottesmutter erklärt worden wären. Ich wiederhole: Die Unterstützung der ersten Seelsorger, die dort tätig waren, ist wichtig für die Erklärung der Erfahrungen der Seher zu Erscheinungen der Gottesmutter Maria."

Und wie lautet ihre Schlussfolgerung bis heute; Mato Zovkic

"Von den Experten wird verlang, den Inhalt der Botschaften zu untersuchen. Dabei ist eine Antwort auf drei Arten möglich: sicher ist es nicht übernatürlich, sicher ist es übernatürlich, und drittens, ein sicheres Urteil ist nicht möglich. Nach dem bisher Gesehenen, Gelesenen und Analysierten kann ein kluger katholischer Theologe ein sicheres Urteil nicht abgeben."

Während eine endgültige Bewertung aus Rom noch aussteht, steht für die Pilger die Echtheit der Erscheinungen und Botschaften außer Zweifel. Sie verbreitet auch die Gebetsaktion-Medjugorje, die von Wien aus den gesamten deutschen Sprachraum betreut. Geleitet wird die Gebetsaktion vom 58-jährigen Arzt Maximilian Domej, der schon sehr früh zu diesem Wallfahrtsort pilgerte:

"Ich hatte das Glück damals seit 1983 gemeinsam etwas diesen Lebensweg der Seher mitzugehen, und zu sehen, dass das wirklich ein mystisches Phänomen ist, es ist ein paranormales Phänomen, mit dem auch die Kirche nicht allzu viel angefangen kann, noch weniger die reale Welt, weil wir leben in einer horizontalen Welt, und da kommt eine Vertikale dazu, die sich offenbart durch diese Seher, die dann auch Botschaften überbringen."

Zweifellos sind die Seher Teil der Faszination des Wallfahrtsortes; das betont auch die 28-jährige Katarina Ebner, die bereits drei Mal in Medjugorje war:

"Das Faszinierende hier ist, dass die Botschaften noch immer andauern; die Mutter Gottes erscheint noch immer regelmäßig. Und diese Gegenwart der Mutter Gottes ist hier spürbar, man spür etwas von dieser mütterlichen Liebe, und diese Liebe bewirkt, dass die Herzen sich öffnen."

Ein Segen war und ist der Pilgerstrom auch für die Region; einst sehr arm zählt Medjugorje heute zu den wohlhabenden Regionen in Bosnien und Herzegowina, ein Umstand, der die Frömmigkeit nicht schmälern soll, die an diesem Ort so deutlich spürbar ist.