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20260518 Facebook Pyramide in Tirana als Symbol der Zeitgeschichte Wehr

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Berichte Albanien

Berichtsinsert: Christian Wehrschütz aus Tirana

Insert1: Pirro Vaso, Mitarchitekt des Museums für Enver Hoxha

Insert2: Pirro Vaso, Mitarchitekt des Museums für Enver Hoxha

Insert3: Bashkim Kucuku, emeritierter Professor für Literatur in Tirana

Insert4: Edi Coku, Elektrotechniker und IT-Trainer in Tirana

Insert5: Shqipe Berisha, Direktorin des Zentrums in der Pyramide

Insert6: Winy Maas, niederländischer Architekt des Projekts Pyramide

Insert7: Winy Maas, niederländischer Architekt des Projekts Pyramide

Insert8: Shqipe Berisha, Direktorin des Zentrums in der Pyramide

Gesamtlänge:

Das Bulvardi Deshmoret e Kombit, das Boulevard der Märtyrer der Nation, ist die Prachtstraße der albanischen Hauptstadt Tirana; dort steht die Pyramide, die den kommunistischen Diktator Enver Hoxha verherrlichen sollte. Im Oktober 1988 eingeweiht, beherbergte das Museum persönliche Gegenstände sowie eine riesige Statue des Diktators, der im April 1985 starb. Historische Filmaufnahmen gibt es wenige; vom Museum ist nichts geblieben und auch die Spurensuche nach den Erbauern ist nicht einfach. Von den vier Architekten leben nur noch zwei, doch Enver Hoxhas Tochter Pranvera war nicht auffindbar. So treffe ich vor der Pyramide den vierten Architekten, Pirro Vaso; 1948 geboren, arbeitete er nach der Wende viele Jahre in den USA, ehe er nach Tirana zurückkehrte. Mit welchen Gefühlen besucht er nun die Pyramide:

0:15 Pirro Vaso Walking, Architekt
“Meine Gefühle sind, sagen wir mal, vielfältig. Zunächst einmal ist es ein gutes Gefühl, denn hoffentlich ist diese Pyramide nun wieder zum Leben erwacht. Vor drei Jahren war sie ja quasi tot. Ich weiß, und ich kann Ihnen versichern, dass die Pyramide seit ihrer Entstehung ein Wahrzeichen der Stadtplanung und Architektur von Tirana war. Aber nach diesem Vandalismus war sie fast eingestürzt. Als ich hörte, dass die Regierung sich für ihren Schutz einsetzte, war ich sehr erleichtert. Ehrlich gesagt. Das Problem ist aber, dass man die Handschrift der ursprünglichen Architekten und all die anderen Dinge nicht sieht. Und sie haben viel verändert, besonders im Inneren. Denn das Innere war ein einzigartiger Raum. Inspirierend, ganz ehrlich.“

Albanien war damals geprägt von sowjetischer Architektur; doch die vier Architekten wollte es Neues schaffen:

5’15
„Als Erstes beschlossen wir, etwas anders zu machen. Wir brauchten eine andere Fassade, eine schräge Fassade, inspiriert vom Berg Dajti im Hintergrund, um die Aussicht nicht zu verdecken. Außerdem sollte das Gebäude in etwa die gleiche Größe haben wie zwei ikonische Gebäude Tiranas zu dieser Zeit: das Gebäude des Ministerpräsidenten und das Hotel Dajti, beide von zwei Italienern entworfen. Sie galten damals als Ikonen der albanischen Architektur. Wir wollten vermeiden, dass unser Gebäude diese beiden Nachbargebäude überragt. Es ging also zunächst um einen anderen Architekturstil. “

Der Architekt verneint, dass das Team durch Pyramiden aus dem Alten Ägypten inspiriert worden sei. Inspiriert hat das Bauwerk jedoch den bedeutendsten Schriftsteller Albaniens, Ismail Kadare. zu seiner Parabel „Die Pyramide“;

Die Verbindung mit dem Bauprojekt sehen ausgewiesene Kenner der Werke Kadares als erwiesen an:

0’41 – 2’41 Bashkim Kucuku Interview

„Die Idee zur Pyramide als Symbol kam Ismail Kadare gerade wegen dieses Gebäudes, das als Mausoleum für Enver Hoxha errichtet wurde. Er beendete den Roman 1989, also zwei bis drei Jahre nach Beginn des Baus und der Errichtung des Museums. Aber auch die Bürger begannen schon damals, aufgrund der Form des Gebäudes das Mausoleum „Pyramide“ zu nennen. Der Roman fiel1989, als er geschrieben wurde, der Zensur zum Opfer. Er wurde Anfang 1991 veröffentlicht, als der Pluralismus erlaubt wurde.“

Für Kadare ist die Pyramide „Opium für das Volk“ ein politisches Perpetuum Mobile als Herrschaftsinstrument für einen Diktator, einen Pharao. Zitat:

„Eine Pyramide besaß alle erforderlichen Merkmale. Sie basierte auf einer wahrhaft erhabenen Idee: dem Pharao und dem Tod, genauer gesagt seinem Aufstieg in den Himmel. Sie war sichtbar, ja, man konnte sie von weitem erkennen. Das dritte und entscheidende Argument für sie: Sie war ihrem Wesen nach sowohl endlich als auch unendlich. Jeder Pharao sollte seine eigene Pyramide haben, sodass, noch bevor sich eine Generation von der Müdigkeit und der Erschöpfung des Baus erholt hatte, ein neuer Pharao mit seiner eigenen Pyramide das Volk aufs Neue unterwerfen würde. Und so weiter, unaufhaltsam, bis ans Ende der Zeit …“

In Albanien ließ das Ende der Zeit dann nicht mehr lange auf sich warten.

Drei Jahre nach der Einweihung des Museums im Oktober 1988 kam das endgültige Aus für das kommunistische Regime im Frühjahr 1992 und die mühsame Demokratisierung Albaniens begann, die bis heute noch nicht abgeschlossen ist.

Vor drei Jahren abgeschlossen wurde die Erneuerung und Umwandlung der Pyramide, die nun vor allem die Funktion eines Jugendzentrums hat. Die Quader sind Klassen- und Seminarräume für alle möglichen Fächer. In einem Raum treffe ich Jugendliche, die an Computern herumbastelt; geleitet wird die Klasse vom 30-jährigen Edi Coku, der in Tirana Elektrotechnik studiert hat. Was macht ihr hier:

1:42 Edi Coku
„Ich unterrichte junge Burschen, kleine Computer zu bauen, und diese mit dem Internet zu verbinden.“

Weißt Du, warum diese Pyramide gebaut wurde, frage ich den jungen Mann:
5:47
No, I don't know.

Auch die jugendlichen Kursteilnehmer wissen es nicht; einer weiß immerhin, wer Enver Hoxha war.
Noch gut an den Diktator erinnern kann sich Shqipe Berisha, die Direktorin des Jugendzentrums; am Tag des Todes von Enver Hoxha, am 11. April 1985 war Shqipe Berisha neun Jahre alt und ein Schulkind:

Shqipe Berisha 17:40 (Erinnerungen an Enver Hoxha)

„Ich erinnere mich, dass unser Lehrer uns aufforderte, darüber zu schreiben, Gedichte zu verfassen und unsere Trauer auszudrücken, die wir damals noch nicht begreifen konnten. Aber für uns war er eine große Gestalt, etwas, das wir nicht erreichen konnten, aber auch sehr mächtig. In gewisser Weise wie Gott.“

Berisha leitet die Aktivitäten in der Pyramide seit fünf Jahren; zentrales Angebot für Jugendliche bilden Programme der aus Armenien stammenden NGO TUMO. Doch das Gebäude bietet auch Möglichkeiten für Arbeitskreise, Räume für Startups, einen Innovations-Hub und Angebote zur Erwachsenen-Bildung.

Architektonisch schuf diese Möglichkeiten der niederländische Architekt Winy Maas; der Umbau nach seinen Plänen begann im Februar 2021 und wurde 2023 fertiggestellt. Eines der großen Probleme zu Beginn war die Finanzierung des Projekts; und da kamen die albanische Diaspora und die NGO TUMO ins Spiel, erzählt Winy Mass:

4:58
„Man lud sie ein, Teil dieser Operation zu sein und den Raum zu aktivieren. Und dann sagte ich, es gefällt mir, weil wir ein offenes Gebäude machen. Und dann wird das Gebäude besetzt von Boxen, von kleinen Boxen, in denen die Schule untergebracht ist. Sie brauchen Klimabedingungen in diesen Boxen. Und dann ist die Schule nicht nur die Schule, es sind auch Boxen für Startups und es sind Boxen für andere Schulen. Eine Einladung auch an Länder, ebenfalls eine Box zu sein, wie Frankreich und die Niederlande das getan haben; und das machte es möglich, ein öffentliches Gebäude auf der einen Seite zu machen, öffentlichen Raum, während die Unterstützung verschiedener, sagen wir, junger Einheiten erhalten bleibt, und das ist die Generation, die übernehmen muss.“

Zu dieser Übernahme zählten auch moderne Bauvorschriften und Technologien, die durch den Architekten zum ersten Mal an der Pyramide angewandt wurden:

7:21 Winy Maas
„Der technische Zustand des Gebäudes war sehr kompliziert und auch nicht sehr gut. Die Qualität des Betons war sehr niedrig. Wir mussten Röntgenaufnahmen des ganzen Gebäudes machen, um herauszufinden, ob besonders die Verkabelung, die Stahldrähte, ob sie nicht zu rostig waren. Es war die große Operation, alles zu reinigen, all das Zeug loszuwerden, das nicht nötig ist und dann auf dieser Basis den Beton mit Injektionen zu infiltrieren. Das war irgendwie eine Schocktherapie in einem Land wie diesem, das keine Gesetze zu Bauvorschriften hat, das keine Gesetze zu Qualitätskontrollen hat und es war nicht das einzige Gebäude, bei dem wir damit konfrontiert waren. Also nutzten sie diese Internationalisierung, um ihr Wissen zu aktualisieren und schnell eine Art Speed-Date zu machen, um diese Verbesserung zu schaffen. Also das Röntgen des Betons hatten sie nie gemacht, sie hatten die Technologie dafür nicht.“

Die Pyramide ist somit weit mehr als ein historisches Bauwerk, sondern ein Symbol für die Transformation Albaniens in den vergangenen 40 Jahren:

Schlusszitat:
Shqipe Berisha:
19:59 (Spiegel der Entwicklung Albaniens)

„Für mich war das Gebäude immer ein Spiegelbild dessen, was im Land vor sich ging. Nach den 90er-Jahren, als alle ihren Weg suchten, war es mit der Pyramide genauso. Hier fanden Veranstaltungen statt, gab es Büros und vieles mehr. In den 2000er-Jahren wurde unsere Generation offener, und es gab auch Clubs und Bars. Dann stand sie mehrere Jahre leer. Ich bin froh, dass sie einer neuen Nutzung zugeführt wurde, die eine Vision für Albanien in der Zukunft vermitteln soll.“

Am Standrand von Tirana liegt Enver Hoxha in einem eher unscheinbaren Grab; seine 40jährige Erblast wiegt weiterhin schwer, doch es besteht die berechtigte Hoffnung, dass Albanien diese kommunistische Epoche ebenso meistern wird wie die Korruption, die es auf dem Weg Richtung EU ebenfalls zu überwinden gilt.