20260518 Kultur Journal Pyramide in Tirana als Symbol der Zeitgeschichte Wehr
8‘37
Es gibt Bauwerke, die durch ihren Bedeutungswandel auch Zeitenwenden und den Wandel von Epochen beschreiben und symbolisieren. Ein derartiges Bau werk steht in Tirana, im Zentrum der albanischen Hauptstadt. Die Rede ist von der Pyramide, die nach dem Tod des kommunistischen Diktators Enver Hoxha im Jahre 1985 als Museum für diesen Mann konzipiert und im Oktober 1988 eingeweiht wurde; eine Gedenkstätte für einen Diktator, der sein Land mit militärisch sinnlosen Bunkern überzog und durch seine Autarkie-Politik zum rückständigsten Land in Europa machte. Mit dem endgültigen Sturz des Kommunismus im März 1992 wurde das Museum verwüstet; in weiterer Folge diente es sogar der NATO als Stützpunkt, beherbergte Fernsehstudios, Nachtklubs und stand jahrelang leer, und sogar der Abriss wurde überlegt. Doch 2021 erhielt der niederländische Architekt Winy Maas den Zuschlag für die Revitalisierung des Bauwerks, das im Oktober als Jugendzentrum eröffnet wurde. Auf die Spuren der Wandlungen der Pyramide hat sich unser Balkan-Korrespondent Christian Wehrschütz begeben; hier sein Bericht:
Das Bulvardi Deshmoret e Kombit, das Boulevard der Märtyrer der Nation, ist die Prachtstraße der albanischen Hauptstadt Tirana; wenige hundert Meter vom ersten Hotel entfernt, dass ein Kärntner Unternehmer nach der demokratischen Revolution hier gebaut hat, steht die sogenannte Pyramide, die den kommunistischen Diktator Enver Hoxha verherrlichen sollte. Damals beherbergte das Gebäude persönliche Gegenstände und eine überlebensgroße Statue des Diktators; davon ist nichts geblieben, und auch die Spuren der Erbauer drohen völlig zu verschwinden. Von den vier Architekten leben nur noch zwei, doch Enver Hoxhas Tochter Pranvera war nicht auffindbar. So treffe ich vor der Pyramide den vierten Architekten, Pirro Vaso; 1948 geboren, arbeitete er nach der Wende viele Jahre in den USA, ehe er nach Tirana zurückkehrte.
Albanien war damals geprägt von sowjetischer Architektur; doch das Team der vier Architekten wollte es Neues schaffen, erinnert sich Pirro Vaso:
5’15
„Als Erstes beschlossen wir, etwas anders zu machen. Wir brauchten eine andere Fassade, eine schräge Fassade, inspiriert vom Berg Dajti im Hintergrund, um die Aussicht nicht zu verdecken. Außerdem sollte das Gebäude in etwa die gleiche Größe haben wie zwei ikonische Gebäude Tiranas zu dieser Zeit: das Gebäude des Ministerpräsidenten und das Hotel Dajti, beide von zwei von Italienern entworfen. Sie galten damals als Ikonen der albanischen Architektur. Wir wollten vermeiden, dass unser Gebäude diese beiden Nachbargebäude überragt. Es ging also zunächst um einen anderen Architekturstil. “
Der Architekt verneint, dass das Team durch Pyramiden aus dem Alten Ägypten inspiriert worden sei. Inspiriert hat das Bauwerk jedoch den bedeutendsten Schriftsteller Albaniens, Ismail Kadare zu seiner Parabel „Die Pyramide“; den Zusammenhang betont im ORF-Interview Bashkim Kucuku, emeritierter Professor für Literatur und ausgewiesener Kenner der Werke Kadares:
0’41 – 2’41 Bashkim Kucuku Interview
„Die Idee zur Pyramide als Symbol kam Ismail Kadare gerade wegen dieses Gebäudes, das als Mausoleum für Enver Hoxha errichtet wurde. Er beendete den Roman 1989, also zwei bis drei Jahre nach Beginn des Baus und der Errichtung des Museums. Aber auch die Bürger begannen schon damals, aufgrund der Form des Gebäudes das Mausoleum „Pyramide“ zu nennen. Der Roman wurde 1989, als er geschrieben wurde, nicht veröffentlicht, weil er damals noch zensiert war. Er wurde Anfang 1991 veröffentlicht, als der Pluralismus erlaubt wurde.“
Für Kadare ist die Pyramide „Opium für das Volk“ ein politisches Perpetuum Mobile als Herrschaftsinstrument für einen Diktator, einen Pharao; Zitat:
„Eine Pyramide besaß alle erforderlichen Merkmale. Sie basierte auf einer wahrhaft erhabenen Idee: dem Pharao und dem Tod, genauer gesagt seinem Aufstieg in den Himmel. Sie war sichtbar, ja, man konnte sie von weitem erkennen. Das dritte und entscheidende Argument für sie: Sie war ihrem Wesen nach sowohl endlich als auch unendlich. Jeder Pharao sollte seine eigene Pyramide haben, sodass, noch bevor sich eine Generation von der Müdigkeit und der Erschöpfung des Baus erholt hatte, ein neuer Pharao mit seiner eigenen Pyramide das Volk aufs Neue unterwerfen würde. Und so weiter, unaufhaltsam, bis ans Ende der Zeit …“
Für das kommunistische System in Albanien kam das Zeitenende bereits etwas mehr als drei Jahre nach der Einweihung des Museums im Oktober 1988; denn im Frühjahr 1992 stürzte das kommunistische Regime endgültig und die mühsame Demokratisierung Albaniens begann.
Ob die zeitgenössische Pyramide mit ihren nunmehrigen wie große Container wirkenden Seminarräumen, zum Lesen anregt, ist fraglich; Leser treffe ich hier nicht, dafür aber in einem Quader eine Klasse aus Jugendlichen, die an Computern herumbastelt; geleitet wird die Klasse vom 30-jährigen Edi Coku, der in Tirana Elektrotechnik studiert hat. Was macht ihr hier, frage ich Edi Coku:
1:42 Edi Coku
„Ich unterrichte junge Burschen, kleine Computer zu bauen, und diese mit dem Internet zu verbinden.“
Weißt Du, warum diese Pyramide gebaut wurde, frage ich den jungen Mann:
5:47
No, I don't know.
Auch die jugendlichen Kursteilnehmer wissen es nicht; einer weiß immerhin, wer Enver Hoxha war.
Noch gut an den Diktator erinnern kann sich Shqipe Berisha, die nun 50-jährige Direktorin des Jugendzentrums; am Tag des Todes von Enver Hoxha, am 11. April 1985 war Shqipe Berisha neun Jahre alt und ein Schulkind:
Shqipe Berisha 17:40 (Erinnerungen an Enver Hoxha)
„Ich erinnere mich, dass unser Lehrer uns aufforderte, darüber zu schreiben, Gedichte zu verfassen und unsere Trauer auszudrücken, die wir damals noch nicht begreifen konnten. Aber für uns war er eine große Gestalt, etwas, das wir nicht erreichen konnten, aber auch sehr mächtig. In gewisser Weise wie Gott.“
Berisha leitet die Aktivitäten in der Pyramide seit fünf Jahren; zentrales Angebot für Jugendliche bilden Programme der aus Armenien stammenden NGO TUMO; die Angebote in der Pyramide beschreibt Berisha so:
Shipe Berisha 11’30 (aus dem Museum wurde eine Innovation HUB)
„Ein Treffpunkt für junge Leute, wo sie sich austauschen und gemeinsam Zeit verbringen können. Das Angebot umfasst also die schulische und technische Ausbildung bei TUMO für Kinder und Jugendliche von 12 bis 18 Jahren und anschließend bei Ecole 42 für Erwachsene. Darüber hinaus gibt es den Innovation Hub, eine Plattform des Albanisch-Amerikanischen Entwicklungsfonds. Er bietet Coworking-Bereiche, Schulungen und Workshops für Einzelpersonen und Startups, die Raum für Wachstum und Zusammenarbeit suchen.“
Architektonisch schuf diese Möglichkeiten der niederländische Architekt Winy Maas; der Umbau nach seinen Plänen begann im Februar 2021 und wurde 2023 fertiggestellt. Eines der großen Probleme zu Beginn war die Finanzierung des Projekts; und da kamen die albanische Diaspora und die NGO TUMO ins Spiel, erzählt Winy Mass:
4:58
„Man lud sie ein, Teil dieser Operation zu sein und den Raum zu aktivieren. Und dann sagte ich, es gefällt mir, weil wir ein offenes Gebäude machen. Und dann wird das Gebäude besetzt von Boxen, von kleinen Boxen, in denen die Schule untergebracht ist. Sie brauchen Klimabedingungen in diesen Boxen. Und dann ist die Schule nicht nur die Schule, es sind auch Boxen für Startups und es sind Boxen für andere Schulen. Eine Einladung auch an Länder, ebenfalls eine Box zu sein, wie Frankreich und die Niederlande das getan haben; und das machte es möglich, ein öffentliches Gebäude auf der einen Seite zu machen, öffentlichen Raum, während die Unterstützung verschiedener, sagen wir, junger Einheiten erhalten bleibt, und das ist die Generation, die übernehmen muss.“
Die Pyramide ist somit ein Symbol für die Transformation Albaniens von einer abgeschotteten kommunistischen Diktatur hin zu einer offenen Gesellschaft, in der Demokratie und Rechtstaat herrschen: Dieser Weg ist noch nicht abgeschlossen; an Hand der Pyramide beschreibt ihn abschließend Shqipe Berisha:
Schlusszitat:
Shqipe Berisha:
19:59 (Spiegel der Entwicklung Albaniens)
„Für mich war das Gebäude immer ein Spiegelbild dessen, was im Land vor sich ging. Nach den 90er-Jahren, als alle ihren Weg suchten, war es mit der Pyramide genauso. Hier fanden Veranstaltungen statt, gab es Büros und vieles mehr. In den 2000er-Jahren wurde unsere Generation offener, und es gab auch Clubs und Bars. Dann stand sie mehrere Jahre leer. Ich bin froh, dass sie einer neuen Nutzung zugeführt wurde, die eine Vision für Albanien in der Zukunft vermitteln soll.“