Albanien und seine Widersprüche

Albanien / Radio / Europajournal / 2021-05-07 18:00

Einleitung

Rückständigkeit, Korruption, Drogenschmuggel, Mafia und Unordnung zählen zu den Klischees, die in der EU und in Österreich oft mit Albanien verbunden werden. All diese Probleme gibt es im Land der Skipetaren, das in der Regel abseits der Aufmerksamkeit der Medien liegt; dabei hat Albanien die Corona-Pandemie erstaunlich gut gemeistert, und auch die Parlamentswahlen am zweiten Mai verliefen – trotz vieler Probleme – gesitteter und ruhiger als vielleicht befürchtet. Albanien ist ein Land großer Widersprüche, die unser Balkan-Korrespondent Christian Wehrschütz im folgenden Beitrag aufzeigt und in ein größeres Gesamtbild einordnet:

Detail

Rückständigkeit, Korruption, Drogenschmuggel, Mafia und Unordnung zählen zu den Klischees, die in der EU und in Österreich oft mit Albanien verbunden werden. All diese Probleme gibt es im Land der Skipetaren, das in der Regel abseits der Aufmerksamkeit der Medien liegt; dabei hat Albanien die Corona-Pandemie erstaunlich gut gemeistert, und auch die Parlamentswahlen am zweiten Mai verliefen – trotz vieler Probleme – gesitteter und ruhiger als vielleicht befürchtet. Albanien ist ein Land großer Widersprüche, die unser Balkan-Korrespondent Christian Wehrschütz im folgenden Beitrag aufzeigt und in ein größeres Gesamtbild einordnet:

Eine kleine Übung der Berufsfeuerwehr in der Stadt Kavaja etwa 30 Kilometer von Tirana entfernt. Zu löschen gilt es einen kleinen Brand aus einem Stapel Kartons an der Wand eines verfallenen Gebäudes. Die Berufsfeuerwehr zählt 17 Mitglieder und hat vier Fahrzeuge; die seit drei Jahren bestehende Freiwillige Feuerwehr hat 20 Mitglieder. Ihr erster großer gemeinsamer Einsatz war das schwere Erdbeben im November 2019. Kavaje zählt 80.000 Einwohner, liegt an der Adriaküste und ist ein Tourismuszentrum in Albanien. Die Prävention für den Brandfall zähle daher zu den Aufgaben der Berufsfeuerwehr, sagt deren Kommandant Endri Kraishta:  

 

„Wir nehmen an Schulungen in allen Hotels in der Gemeinde Kavaja teil, um das Hotelpersonal für den Brandfall auszubilden. Es soll in der Lage sein, Touristen zusammen mit der Berufsfeuerwehr zu evakuieren.“

Die Ausstattung der Berufsfeuerwehr und den Aufbau der Freiwilligen Feuerwehr unterstützen massiv freiwillige Feuerwehren aus Österreich. Das sieht man sofort, wenn etwa Feuerwehrleute im Einsatz mit Schutzkleidung herumlaufen, auf denen Freiwillige Feuerwehr „Gumpoldskirchen“ steht. Beim Aufbau vor Ort hilft der Feuerwehrtechniker Gregor Jaenin, der beruflich in Albanien tätig ist. Seiner Ansicht nach hätten die Einsatzkräfte in Kavaja im Falle eines Großbrandes einen schweren Stand:

"Es ist sicherlich ausreichend für den Erstangriff; für eine weitere Maßnahme müssen sofort Mannschaften aus anderen Gebieten herangezogen werden, die durchaus Anfahrtszeiten von 35 Minuten mindestens haben."

Verstärkung ist aus Oberösterreich in Sicht, sobald es die Corona-Pandemie zulässt, die Albanien bisher gut gemeistert hat; aus Grießkirchen in sollen ein Kleinlöschfahrzeug, das auch der Ausbildung dient, und ein Atemschutzfahrzeug geliefert werden. Treibende Kraft der Hilfe ist der einsatzerprobte Feuerwehrmann Josef Schwarzmannseder:

 

„Es ist ganz selten, dass sie neue Fahrzeuge bekommen, vielleicht hin und wieder einmal da und dort. Sie sind nicht ausgestattet, sind leer, haben keine Gerätschaften, die man braucht für Brandbekämpfung und technische Einsätze und dergleichen."

Wie weit liegt Albanien hinter Österreich zurück:

„40 Jahre“

In Albanien funktioniert so alles mehr schlecht als recht was mit öffentlicher Verwaltung zu tun hat. Doch auch da gibt es Lichtblicke, und zwar mit Hilfe der ADA, der Österreichischen Entwicklungsagentur. Die ADA unterstützt in Albanien den Aufbau einer bürgernahen Verwaltung ohne Korruption. Ein Beispiel ist ein modernes Zentrum mit dem Namen ADISA in der Stadt Gjirokastra. Bürger können hier rasch Dokumente beantragen, von der Registrierung vom Eigentum über die Firma bis hin zu Krankenversicherung und zur Ausstellung einer Geburtsurkunde; viele Dienstleistungen kann man online abwickeln. Das Zentrum in Gjirokastra hat 15 Mitarbeiter; ihr Chef, Artim Fino, betont noch einen weiteren Aspekt:

„Was ganz wichtig ist und geschätzt wird, das ist die Transparenz. Hier wird alles mit Kameras überwacht. Korruption existiert hier nicht. Wenn ein Bürger kommt und eine Beschwerde oder einen Einspruch vorbringt, dass ihn jemand um eine Bestechung bittet, so sehe ich das und höre es, weil wir auch den Ton aufzeichnen. Ein Bürger kann eine Beschwerde auch schriftlich vorbringen, einen Vorschlag machen oder ein Problem aufzeigen. Er gibt seine Telefonnummer, Adresse oder Email an, und legt den Zettel in einen Korb. Einmal pro Monat schicke ich dann diese Schreiben nach Tirana. Die Anfrage wird immer berücksichtigt, das heißt, wir verbessern uns ständig.“

Ein negativer Sonderfall ist die notorisch korrupte Justiz; sein mehr als drei Jahren werden nun Richter und Staatsanwälte durch eine Kommission durchleuchtet. Diesen sogenannte „Vetting-Prozess“ haben bisher 370 Juristen durchlaufen, nur 40 Prozent von ihnen haben bestanden. Hinzu kommt die schlechte Organisation der Justiz insgesamt; der Weg zum Recht für den Bürger gleicht einem Spießrutenlauf. Wie viel Schwarzgeld, nicht zuletzt auch aus dem Drogenschmuggel im Umlauf sein muss, zeigt die rege Bautätigkeit in der Hauptstadt Tirana.

Anderseits hat Albanien in den vergangenen 20 Jahren auch enorme Fortschritte gemacht. Nicht nur die Überlandstraßen wurden asphaltiert und Autobahnen gebaut; das Internet funktioniert in den Städten sehr gut, und auch große private Firmen gibt es, die nun massiv in den Tourismus investieren. Das GreenCoast-Ressort am Ionischen Meer ist das bedeutendste Tourismus-Projekt, das derzeit in Albanien umgesetzt wird. 800 Villen und Appartements sind geplant; die Hälfte ist fertig und weitgehend verkauft, obwohl ein Quadratmeter bis zu 2.500 Euro kostet; die große Mehrheit der Käufer sind Albaner, die am Balkan oder in der EU leben. Die albanische BALFIN-Gruppe hat bereits mehr als 100 Millionen Euro investiert, weitere 300 Millionen sind geplant. Gebaut werden auch acht Spitzenhotels, die internationale Ketten betreiben sollen. Gründer der BALFIN-Gruppe ist der 54-jährige Samir Mane, der lange in Wien gelebt hat; Touristen aus Westeuropa zählen noch nicht zu seiner Zielgruppe, erläutert in Tirana Samir Mane:

Image Albanien ausländische Touristen  

Generell ist Südalbanien - abgesehen von der Hauptstadt Tirana – touristisch besser entwickelt als der Norden. Das gilt auch für die Vermarktung heimischer Produkte. Im Norden wird dieses Angebot erst aufgebaut und zwar mit österreichischer Hilfe durch die ADA und vor allem durch die Organisation Albania-Austria. Sie hat ein Informationszentrum für Touristen in der Stadt Mirdita geschaffen, die in kommunistischer Zeit ein Zentrum des Kupfer-Bergbaus war. Finanziert wurden Wanderkarten und die Markierung der Wege. Doch auch in Mirdita sollen Arbeitsplätze durch die Vermarktung lokaler Produkte geschaffen werden, sagt der Tourismusdirektor Nik Nikolli:

„Wie wollen zunächst 30 Frauen in drei Gebieten ausbilden und ausstatten, damit sie sichere und saubere Lebensmittel erzeugen können. Das hilft 30 Familien. Hinzu kommen noch Frauen, die Kunsthandwerk herstellen.“

Positiv zu verbuchen ist, dass die Parlamentswahl jüngst – trotz vieler Mängel – recht gesittet ablief. Der sozialistische Ministerpräsident Edi Rama gewann neuerlich die absolute Mehrheit und damit eine dritte Amtszeit. In seiner Siegesrede in Tirana zeigte er sich zum ersten Mal versöhnlich gegenüber der geschlagenen Opposition. Den Albaner versprach Edi Rama:

„Albanien wird der Champion am Balkan auf folgenden Gebieten werden: Tourismus und ländlicher Tourismus, bei der Qualität des digitalen Angebots für jeden Bürger und auch bei der Infrastruktur, mit vier Flughäfen und vier Häfen für Touristen und Reisende. Hinzu kommen zwei neue Häfen für den Handel und zwei Solar-Parks, die wir bauen werden. Das sind enorme Projekte für das Land, die den politischen Willen dazu erfordern.“

Ob Edi Rama dieses Versprechen einlösen wird, können nur die kommenden Jahre zeigen. Sicher ist aber, dass die Klischees über Albanien nur mehr bedingt stimmen, weil die Lebensrealität viel komplexer ist. Albanien wandelt sich; um es auf Albanisch zu sagen: „Shiperija po ndryshon!“