20260218 ORFIII Die Ukraine zwischen Salca und Invaliden Wehr Mod
„Not lehrt Beten!“ – lautet ein altes Sprichwort, das auch in der Ukraine gilt, obwohl die Religiosität in diesem Land auch in Friedenszeiten weit stärker war als in Österreich. Doch nicht nur Kirche und Glaube sind Stützen im täglichen Überlebenskampf der Bevölkerung gegen russische Luftangriffe, bei Kälte und Not, sowie bei der Angst um nahe Angehörige an der Front. In der Ukraine hat unser Korrespondent Christian Wehrschütz menschliche Beispiele getroffen, die zeigen, wie Bewohner ihr Leben meistern oder nach schweren Schicksalsschlägen ihren Lebensmut wiedergefunden haben:
Berichtsinsert: Christian Wehrschütz aus der Ukraine
Insert1: Irina, Teilnehmerin am Bachata-Festival in Kiew
Insert2: Andrij, Betreiber von Tanzschulen in Kiew
Insert3: Anna, Erzeugerin von Filzpuppen
Insert4: Anna, Erzeugerin von Filzpuppen
Insert5: Marko, Veteran und Kriegsinvalider
Insert6: Marko, Veteran und Kriegsinvalider
Gesamtlänge: 7’05
Es sind unerwartete Klänge und ein unerwartetes Ereignis, dem wir uns als ORF an einem Samstag im Jänner in Kiew widmen konnten – ein Bachata-Wettbewerb in einem Tanzklub in einem Randbezirk der Hauptstadt. Etwa 50 Paare, vom Hobby-Tänzer bis zum Profi sind versammelt. Irina fällt mir auf, weil sie vor einem Spiegel intensiv die körperbetonten Bewegungen dieses lateinamerikanischen Tanzes übt. Die junge Frau tanzt seit sieben Jahren; welche Bedeutung hat gerade in Kriegszeiten Bachata für sie:
Irina 1:25
„Wenn man ständig im Stress lebt, ist das eine Art Ventil. Einerseits versteht man die Situation, dass es eigentlich nicht zum Tanzen ist. Andererseits, wenn ich tanze, vergesse ich ein wenig, was passiert, und es kümmert mich nicht mehr so sehr, dass es keinen Strom und keine Wärme gibt. Wenn Menschen sich treffen, vereint durch den Tanz, sind das positive Emotionen, die wir sehr brauchen, nun, ich persönlich brauche sie sehr. Das gibt einem ein bisschen Erleichterung, Wärme, menschliche Güte. Deshalb hilft es mir.“
Organisiert hat das Festival Andrij, der seit 12 Jahren sieben Tanzschulen in Kiew betreibt. Trotz seines ukrainischen Vornamens reicht seine Biographie in die Zeit der Sowjetunion zurück; denn Andrij ist der Sohn einer ukrainischen Mutter und eines kubanischen Vaters. Welche gesellschaftliche Bedeutung haben seine Tanzschulen für Bachata und Salza:
2:59
„Das ist eine sehr gute Möglichkeit, neue Leute kennenzulernen. Ich kann Ihnen sagen, dass wir in 12 Jahren mehr als 50 Paare gebildet haben. Das heißt, sie haben geheiratet, 50 Paare. Viele Menschen lernen sich hier kennen, freunden sich an, gründen Familien. Die Tanzschule ist dazu also sehr hilfreich.“
Äußerst hilfreich für das Überleben der Ukrainer sind Eigeninitiative, Internet und Durchhaltewille. Ein Beispiel dafür treffe ich 490 Kilometer südlich von Kiew, und zwar in der Hafenstadt Mykolaew. Der Weg führt über Odessa; die Straßen sind tief verschneit, nicht geräumt, die Sicht ist schlecht und wir fahren nur 30 Kilometer pro Stunde. Mykolaew liegt weitgehend im Dunkeln, ein Ergebnis der massiven russischen Angriffe auf die kritische Infrastruktur. Meine Gesprächspartnerin Anna lebt in einem Hochhaus im sechsten Stock; bis zu ihr hilft mir die Taschenlampe am Handy; Annas einzige Lichtquelle ist eine kleine Tischlampe, betrieben mit einer Powerbank; die 45-jährige ist in der Ukraine bekannt für Filzpuppen, die sie in Handarbeit herstellt:
6:42
„Ich mache einfach Puppen, größere und kleinere; Hier ist zum Beispiel ein Hase oder ein Kürbis. Der Filzprozess ist wie eine Art Modellieren. So wie die Leute mit Ton modellieren, forme ich mit Wolle. Für mich ist das Modellieren, wenn ich aus einer formlosen Masse eine Form forme, die beliebig sein kann. Ein Hase, ein Kürbis.“
Der Kontakt zur Außenwelt erfolgt vorwiegend über das Internet; einerseits gibt es spezielle Webseiten für Handwerkszeug und Materialien; aber auch Bestellungen erfolgen online, wobei dann ein privater Postdienst die Rohmaterialien zustellt und die Filzpuppen abholt. Eine Puppe kostet zwischen 50 und 100 Euro. Pate stand das Internet auch auf dem Weg zu Annas Entscheidung, die Tätigkeit im Bereich eines Schönheitssalons an den Nagel zu hängen:
4:22
„Aus reinem Interesse habe ich im Internet das Filzen gesehen. Ich habe es ausprobiert. Ich bin Autodidaktin. Niemand hat mich unterrichtet. Nach und nach bin ich in 10 Jahren auf das Niveau gekommen, das Sie sehen. Ich kann nicht sagen, dass ich sofort alles hinbekommen habe. Aber in 10 Jahren habe ich mich entwickelt. Mir gefällt dieser Prozess so sehr, dass ich einfach Freude daran habe.“
Freude am Leben ist eine wichtige Überlebensstrategien; diese Freude nach schweren Schicksalsschlägen wiederzufinden ist eine Fähigkeit, die besonders viel Kraft erfordert; aufgebracht hat sie der 25-jährige Marko Kodratjuk, den ich in der Hafenstadt Odessa treffe. Marko war Kriegsfreiwilliger; im Kampfeinsatz verlor er beide Beine bis zu den Oberschenkeln hinauf. Fast zwei Jahre dauerte die Rehabilitation, 48 Operationen hat der junge Mann hinter sich; nun arbeitet er in einem Ausbildungszentrum der Polizei für junge Rekruten; … ich bin dabei, als die vorwiegend jungen Männer grundlegende Techniken im Einsatz mit der Waffe üben. Marko veranschaulicht den Rekruten die Lage im Einsatz. Wie hat er nach seiner so schweren Verwundung den Lebensmut wiedergefunden:
10:04
„Wenn es nicht meine Frau gegeben hätte, die ich nach meiner Verwundung getroffen habe, die mir geholfen hat, zur Rehabilitation zu kommen, und dann haben sich unsere Beziehungen entwickelt, denke ich, würden wir jetzt nicht sprechen. Denn meine psychische Gesundheit war nach der Verwundung so ruiniert, ich wollte nicht im Krankenhaus liegen, ich wollte zurück in den Krieg, ich wollte zu meinen Jungs zurück. Das hat mich sehr belastet. Aber meine Frau hat so viel in mich investiert, dass ich wieder zu mir selbst kam und ich sage, ziviler wurde. Sozusagen wieder ins zivile Leben zurückgekehrt bin. Und jetzt meine Arbeit, ich liebe sie. Ich arbeite mit wunderbaren Menschen an einem wunderbaren Ort und vermittle, sehr nützliche Dinge.“
Marko vermittelt einen Lebensmut, der ansteckend wirkt und vorbildhaft ist. Hast Du besondere Wünsche oder Ziele für Dein weiteres Leben:
11:29
„Ich habe einen großen Traum, ich möchte Neuschwanstein besuchen. Ich träume sehr, sehr davon. Ein wunderschöner Ort. Als Kind habe ich dieses Schloss einmal auf einem Bild gesehen und mich darin verliebt. Ich möchte unbedingt im Winter hinfahren, um das winterliche Neuschwanstein zu sehen. Und ich möchte zu einem Konzert von Rammstein gehen.“
Mögen beide Wünsche in Erfüllung gehen; mit 25 Jahren hat Marko an sich noch ein langes Leben vor sich; in diesem Sinne zeigt sein Beispiel auch die enormen Folgen des Krieges auf, die die Ukraine vom Veteranen bis zu den Kriegswaisen und traumatisierten Einwohnern prägen werden, und zwar noch viele Jahrzehnte nach dem militärischen und politischen Ende des Krieges.





